Interview mit Oliver Spenrath

INTERVIEWS | Artikel vom 28.08.2015 | Text von Redaktion

Oliver Spenrath - Gespräch im Schloßpark


Oliver von der Band Insect Plasma  |  Foto © Redaktion

Wir stehen mitten in einem verwilderten Schloßpark. Nachdenklich schaut Oliver von der Band Insect Plasma in die Baumwipfel. „Hier im Park herrscht immer eine besondere Stimmung“, erzählt er. „Gerade im Spätsommer, wenn das Licht in einem tiefen Winkel einfällt.“ Wir gehen weiter durch den Park und ich beginne ihm Fragen zu stellen.

 

Inspirieren dich Orte wie dieser Schloßpark?

 

Ja, denn Stimmung und Atmosphäre sind für mich und meine Musik wichtige Elemente. Die Grundstimmung meiner Lieder liegt wie Morgennebel auf taufrischem Gras.

 

Welcher Musikrichtung gehört deine Band Insect Plasma an?

 

Unsere Musik kann man am ehesten den Stilen Dark Wave oder Dark Electro zuordnen. Diese Musik wird verstärkt bei Anhängern der Gothic-Kultur gehört, die sich Anfang der 80er aus der Punk- und der New Wave-Bewegung entwickelte. Es ist aber etwas schwierig die Musik exakt dort einzuordnen, da es  

auch viele andere Einflüsse gibt.

 

Schreibst du alle Texte selber?

 

Ja, der größte Teil der Texte stammt von mir. Es gibt aber auch ein paar, die von meinem, inzwischen leider verstorbenen, Bandkollegen Ralph geschrieben wurden.

 

Deine Texte wirken auf mich sehr düster. Was genau verarbeitest du darin?

 

Die Motive meiner Texte sind sehr unterschiedlich. So wie ich mich in den über 25 Jahren, in denen ich Lieder schreibe verändert habe, so haben sich auch meine Texte verändert. Früher drehten sie sich um Ängste, Schuldgefühle und den Kampf zwischen Gut und Böse. Um diese Gefühle zu beschreiben habe ich auf mythologische Wesen zurückgegriffen. Ich habe aber auch deshalb sehr viel Symbolik benutzt, weil ich damals Hemmungen hatte, meine Gedanken frei heraus zu schreiben. Später drehten sich meine Texte vermehrt um Sehnsüchte und Enttäuschungen. Während dieser Zeit hatte ich das Gefühl, keine Kontrolle auf meine Umwelt zu haben. Ich wollte so viel verändern und hatte so wenige Mittel dazu. Mit Mitte, Ende Zwanzig befand ich mich in Lebensumständen aus denen ich ausbrechen wollte, es aber nicht schaffte. Meine Texte wurden zu dieser Zeit sehr offen, provokativ und obszön. Es war ein einziges verzweifeltes Aufbäumen meinerseits.

 

 

Warum hattest du das Gefühl keine Kontrolle über deine Umwelt zu haben?

 

Als Kind musste ich mich an Veränderungen anpassen, die ich nicht beeinflussen konnte. Als Kind kannst du nicht selber bestimmen, wo und unter welchen Umständen du aufwächst. Du wirst nicht gefragt, sondern vor vollendete Tatsachen gestellt und musst zusehen, wie du damit klarkommt, wenn sich sowohl der Ort, die Menschen und insbesondere die Regeln nach denen du zu leben hast, sich plötzlich ändern. Natürlich hatte ich Freunde, die auch viel umgezogen sind, oder deren Eltern getrennt und neu verheiratet waren. Ich war also nicht der Einzige. Aber jeder ging damit anders um. Die anderen hatten Schwierigkeiten, sich anzupassen und schmissen Scheiben ein oder machten Schlimmeres. Ich habe das alles mit mir selbst ausgemacht. Das fühlt sich dann an, als hättest du ständig ein paar Schuhe an, das entweder zu groß oder zu klein ist, oder eine Hose, die dauernd rutscht und dich irre macht. Das dicke Problem entsteht allerdings, wenn du in ein Alter kommst, wo du die Dinge um dich herum eigentlich regeln, gestalten und zurechtrücken kannst, dich aber statt dessen noch immer anpasst. Jeder hat einen Arm und ein Bein von dir und zieht dran, bis es dich zerreißt. Und dann kommen sie zu dir und beschweren sich, warum sie nicht das größte Stück abbekommen haben.

 

Wie bist du damit umgegangen?

 

Ich habe viel zu spät gelernt, anderen Leuten Grenzen zu setzen. Hinzu kommt, dass ich oft an Dingen und Menschen festgehalten habe, die nicht gut für mich waren. Aber zumindest waren diese schlechten Eigenschaften oder Einflüsse eine verlässliche Konstante. Wenn du im offenen Meer treibst, hälst du dich auch an Scheiße fest, wenn sie schwimmt. Letztendlich habe ich die Kurve dann doch noch bekommen. Die Anderen haben es teilweise leider nicht geschafft und sind zeitweise auf Drogen, im Gefängnis oder in der Geschlossenen gewesen, oder haben sich das Leben genommen.

 

Und wie geht es dir heute?

 

In den letzten Jahren geht es mir sehr gut. Das hat allerdings auch zur Folge, dass ich beinahe so etwas wie eine Schreibblockade habe. Daher bediene ich mich dämonischer Geschichten. Ich greife inzwischen häufig Motive des Autors H.P. Lovecraft auf. Oder es gibt manchen Filmklassiker, der mich beschäftigt. Oft gelingt es mir diese Motive in einer Art Parabel niederzuschreiben.

 

Du hast Insect Plasma schon 1991 gegründet. Wie hast du es geschafft dran zu bleiben?

 

Natürlich gab es Hochs und Tiefs, und ich war auch öfters an dem Punkt, dass ich es fast hingeschmissen hätte. Es gab Phasen, da hatte ich weder Band-Kollegen, noch Publikum, noch Unterstützung. In diesen Phasen habe ich mich oft gefragt: Für wen und warum machst du das alles? Letztendlich war die Antwort immer: Ich mache Musik für mich, und das ist genug Grund, damit weiterzumachen!

 

Warum wird deine Band erst jetzt bekannter?

 

Es gab immer Leute, die meine Musik gut fanden. Inzwischen sind aber die Möglichkeiten anders. Früher war es der Weg zum Ruhm, dass man ein Demo in guter Qualität aufnahm und davon einhundert Kopien an verschiedene Plattenfirmen schickte. Passte man ins Schema und hatte man Glück, durfte man seine Seele an die Plattenfirma verkaufen. Heute setze ich ein Video in Youtube rein und kann viel mehr Leute mit meiner Musik erreichen. Wir haben nicht nur Fans in Deutschland, sondern auch in Frankreich, Holland, Russland, England und den USA. Das Internet hat es möglich gemacht.

 

Wie geht es mit Insect Plasma weiter?

 

Weiter geht es zunächst mit einem neuen Album. Dies wird allerdings ein besonderes. Die enthaltenen Lieder sind schon vor langer Zeit zusammen mit meinem verstorbenen Freund und Band-Kollegen Ralph entstanden. Direkt nach seinem Tod hatte ich die Lieder wieder aufgegriffen und ihnen ein zeitgemäßes Arrangement verpasst. Während ich an der Rekonstruktion der Lieder gebastelt habe, hatte ich immer das Gefühl, er würde hinter mir stehen und mit einem kritischen Auge über meine Schulter schauen. Mein Bandkollege Holger nimmt gerade die Gitarren für die Stücke auf. Somit klingen die Lieder nicht nur moderner und qualitativ hochwertiger als damals, sondern bekommen zusätzlich noch eine ganz neue Note.

 

 

Was sind deine Wünsche für die Zukunft?

 

Natürlich wünsche ich mir weiterhin so viele Gigs wie in den letzten Jahren. Ich finde es allerdings schade, dass die Franzosen sich um uns reißen, uns sogar Hotel und Verpflegung zahlen, während man in Deutschland selber zahlen muss, um irgendwo in einem Club auftreten zu können. Die großen Veranstalter engagieren natürlich nur Bands, die sehr bekannt sind und entsprechend viel Publikum ziehen. Sehr enttäuscht bin ich von meinem Heimatort. Dort bin ich nur ein einziges Mal aufgetreten und das war 1991. Was ich mir auch wünsche ist, dass die Leute generell wieder mehr bereit sind für Musik zu zahlen.

 

Hast du eine Botschaft für die Leser?

 

Ja, das habe ich! Für alle, die an sich und ihre Sache glauben: Sobald ihr die ersten Erfolge habt, wird es Leute geben, die alles schlecht reden. Das sind fast immer Leute, die selbst nichts auf die Reihe bekommen. Es wird aber auch Menschen geben, die euch einen Gefallen tun wollen und sagen wie toll das alles ist, was ihr macht, obwohl es in Wirklichkeit totaler Mist ist. Sowohl die einen als auch die anderen tun euch nicht gut. Holt immer Meinungen ein, aber entwickelt ein Gespür dafür, wer euch gegenüber objektiv ist. Reißt Mauern ein, bewegt euch auf unbekanntem Terrain, probiert aus und traut euch! Hört auf euer Bauchgefühl. Erschafft Bilder im Geist! Und vor allem: Habt Spaß, bei dem, was ihr macht. Denn manchmal ist der Spaß an der Sache das Einzige, was euch bleibt. Zum Schluss vielleicht noch ein Zitat von Emile Coué, das ich mir selber immer wieder ins Bewusstsein hole: Nicht der Wille ist der Antrieb unseres Handelns, sondern die Vorstellungskraft.

 

Vielen Dank Oliver für das tolle Gespräch im Schloßpark!

 

 

Mehr Informationen über Insect Plasma findet ihr auf:

 

www.insect-plasma.de

 

Das Gespräch mit Oliver im Schloßpark führte Alexandra.

 

 

Zur Person:

Oliver wurde 1972 geboren. Durch "Kraftwerk" kam er zur elektronischen Musik. Die ersten Kompositionen setzte er auf dem Heimcomputer Commodore C64 um. Sein Hobby "Computer" machte er zum Beruf, Die Musik bleibt als Hobby bestehen. Seit früher Jugend hält er sich außerdem durch Kampfsport fit.