Interview mit Oliver Dobisch

INTERVIEWS | MUSIK | Artikel vom 29.01.2016 | Text von Redaktion

Oliver Dobisch: "Starte dein Leben!"


Oliver Dobisch  |  Foto © Redaktion

Wir treffen Oliver Dobisch von der Band "Denkbar" im Schwabenland. Unser Gespräch findet auf einer Bank am Feldrand statt. Umsäumt von Bäumen, Stäuchern und letztem Schnee ein wirklich inspirierender Ort. Jedoch wurde die Wahl auch aus praktischen Gründen gefällt. Es ist Januar, null Grad! Das gemütliche Haus seiner Partnerin nur ein paar hundert Meter entfernt. Dort können wir uns später bei einer Tasse Kaffee aufwärmen. Es ist ruhig, kein Mensch zu sehen. Hier kann ich ungestört meine Fragen stellen und seinen Erzählungen folgen.

 

Oliver, du hast viele Berufe in deinem Leben ausgeübt. Heute arbeitest du als Musiker, Speaker & Motivationscoach. Wie kam dein ungewöhnlicher Lebensweg zustande?

 

Nachdem ich 1999, nach fast zehn Jahren im Polizeidienst wegen Krankheit gekündigt wurde, stand ich da. Einen angebotenen Job als Lagerarbeiter lehnte ich ab. Statt dessen wurde ich Geschäftsführer in drei gut laufenden Mediatheken. Zeitgleich übernahm ich einen Musik-Live-Club, der leider überhaupt nicht lief. Herbst 2002 war dann Ende! Ich hatte alles verloren, war pleite, musste aus meiner Wohnung raus, war ohne Job, hatte noch 1,80 € Bargeld. Ich meldete mich bei der Gemeinde ab, tourte bis 2005 mit einer Rock-Band als Sänger & Gitarrist. Nach einer Tour 2006 war ich wieder pleite, körperlich am Ende wegen meines Freundes „Alkohol“. An diesem Punkt stellte ich mir die Frage: „Was tun?“ Entschied mich, mit dem Leben abzuschließen aufgrund Perspektivlosigkeit. Das „wie“ war bereits beschlossen. Dann ereigneten sich zwei Dinge, die mich in das Leben zurückholten.

 

Was waren das für Ereignisse?

 

Ein Ereignis war, dass ich genau zu diesem Zeitpunkt meine jetzige Lebenspartnerin traf. Per Zeitungsanzeige suchte ich Musiker für eine Rock´n´Roll-Band. Moni war die Einzige, die sich meldete. Sie war eine mit mehrfachen Preisen ausgezeichnete Sängerin und bei einem Major-Label unter Vertrag. Außerdem war sie bereits auf Europa- & USA-Tour, in zig TV-Sendungen, unter anderem bei Jürgen von der Lippe. Sie lebte den Beruf „Bühne“, trank keinen Alkohol, rauchte nicht und war zweifache Mutter. Dennoch verband uns eines: Der Drang auf die Bühne zu gehen, sein inneres Bedürfnis auszuleben und genau deswegen von anderen nicht verstanden zu werden. Als wir uns gegenseitig unsere Ideen vorlegten, waren wir einfach nur baff. Sie waren fast identisch. Tja, und dann wurde aus der beruflichen Partnerschaft nach einigen Monaten auch eine private :-)

 

Ich bin neugierig, was war das für ein zweites Ereignis?

 

Das zweite Ereignis erzähle ich nur auf meinen Seminaren. Dies auf einer Internetseite stehen zu lassen wäre wohl zu abgefahren :-) Ich möchte den Menschen dabei in die Augen sehen, damit ich deren Reaktion wahrnehmen kann. Es ist etwas sehr emotionales womit nicht jeder klar kommt. Es kommen immer direkt Fragen, bzw. die Menschen sprechen mich nach den Seminaren & Vorträgen darauf an. Manche sind verwundert und andere sagen: „Hey, ich hab genau das gleiche erlebt, traute mich nur nicht es zu sagen!“. Als ich vor drei Jahren bei einer Veranstaltung der evangelischen Kirche davon erzählte, kam ein 14-jähriges Mädchen zu mir. Sie hatte Tränen in den Augen und sagte, sie habe genau das gleiche erlebt. Sie dachte, sie sei nicht normal, aber jetzt weiß sie, dass es auch andere erleben!

 

Was passierte nach diesen Erlebnissen?

 

Ich setzte mich hin und überlegte, was ich schon immer im Leben machen wollte. Mir fiel ein, dass mich mein Vater, als ich 14 war, nach Ulm zu einem Konzert mitnahm. Die Band und die Musikrichtung kannte ich nicht. Es handelte sich um die Heavy-Metal-Band Motörhead. Als ich den Sänger & Bassisten Lemmy sah, die ganze Stimmung, die langhaarigen und tättoowierten Jungs, wusste ich, DAS will ich machen! Musiker sein, touren, Konzerte veranstalten. Am nächsten Tag legte ich meine Popper Klamotten weg, riss die NENA Poster von der Wand und tauchte in die noch junge Metal-Szene ein. Ich kaufte mir eine E-Gitarre und brachte sie mir so gut es ging selbst bei. Bis ich fast 18 war, zog ich mit einem Kumpel durch die Lande. Jede Menge besuchte Konzerte, Alkohol, Partys und Fehltage in der Schule. Wir feierten das Leben! Mit 18 ging ich dennoch zur Polizei. Allerdings hatte ich immer den Drang auf die Bühne zu gehen. Auch innerhalb der Polizei trat ich als Liedermacher auf. Trotzdem verdrängte ich diesen Wunsch. Sag mal deinem Umfeld, „Ich werde Rock-Musiker“. Das Gelächter kannst du dir vorstellen.

 

Wie bist du dann Musiker geworden?

 

Plötzlich war ich Anfang 30 und hatte nichts mehr zu verlieren. „Freedom ist just another word, for nothing left to lose“ sang schon Janis Joplin. So schlimm diese Phase war, zum ersten Mal fühlte ich mich frei. Ich sagte mir, ok, dann mach endlich das, was dein Herz dir sagt. Als Musiker war ich zwar schon eine Weile unterwegs, verdiente aber nicht wirklich. Dann nahm mich das Leben an die Hand. 2007 schaffte ich mit zwei Kollegen als Organisatoren des „Gitarrenweltrekords“ den Eintrag in das „Guinness Buch der Rekorde“. Es war ein weltweites Event. 2006 gründete ich mit meiner neuen Lebensgefährtin Moni Francis eine Rock´n´Roll-Band. Bis Anfang 2013 spielten wir bundesweit hunderte Konzerte und traten im TV & Radio auf. Da ich schon immer ein großer Kabarett-Fan war und meine Freundin in diesem Bereich eine bekannte Künstlerin ist, schrieben wir unser erstes Musik-Kabarett-Programm und tourten damit durch, zum größtenteils, ausverkaufte Bühnen. 2012 unterzeichnete ich einen Plattenvertrag.

 

Auch privat ein Paar: Oli Dobisch und Moni Francis von der Band "Denkbar"

 

Und wie kam dein Weg als Speaker & Motivationscoach zustande?

 

2011 bekam ich eine Anfrage der evangelischen Kirche, ob ich nicht über meine Vergangenheit bei Konfirmanden reden möchte. Das Feedback war super! Daraufhin wurde ich gefragt, vor Erwachsenen zu sprechen. Das Feedback war noch unglaublicher. Standing-Ovations, Briefe, Mails. Und es kamen die ersten beiden Menschen, die mich fragten, ob ich sie coachen würde, da ich durch die Türe durch bin, vor welcher sie stehen. Das war absolut neu für mich. Ich hatte nicht gedacht, dass mein Leben überhaupt jemanden interessiert. Deshalb machte ich ein zweijähriges Fernstudium zum Psychologischen Berater & Personal Coach. Ich hielt immer wieder Vorträge zu den Themen Motivation, Persönlichkeitsentwicklung, Willenskraft und Selbstvertrauen.

 

Waren deine Freunde für dich da als es nicht so gut lief?

 

Ich habe in einem meiner Songs die Textzeile, „Was sind Freunde, komm, sag es mir. Sind es die, die in guten Zeiten zu dir stehen, und sich wegdrehen, wenn´s dir schlechter geht?“. Ich hatte nur einen Menschen in meinem Leben den man als Freund bezeichnen konnte. Das war der mit dem ich zwischen 14 und 18 Jahren durch die Gegend zog. Ich benutze eher das Wort „Wegbegleiter“. Natürlich gibt es Menschen die Freunde haben und brauchen. Ich gehöre eher zu der anderen Sorte. Ich verbringe, wie viele Bühnenmenschen, die Zeit lieber mit mir selbst und bin alleine bzw. mit Moni zusammen. Als ich damals von 1999 – 2005 mit meiner Band tourte, waren die beiden Mitmusiker, einer davon mein Bruder, die einzigen Menschen, die mich begleiteten. Aber Wege und gemeinsame Ziele trennen sich irgendwann.

 

Gingen die Menschen auf Abstand als du deinen Weg gegangen bist?

 

Wenn man anfängt seinen Weg zu gehen, lässt man zwangsläufig bestimmte Leute „hinter sich“. Denn auf seinem Weg kann man nur Menschen mitnehmen, die mitgehen wollen. Hat jemand eine andere Vorstellung für SEIN Leben, ist ein gemeinsamer Weg nicht mehr möglich, weil man unterschiedliche Ziele verfolgt. Sagt man diesem Menschen dann, paß auf, hier trennen sich unsere Wege, wird man schnell als arrogantes Arschloch bezeichnet. Aber warum? Nur weil man nicht DESSEN Weg gehen will? Es gibt aber auch Menschen, die einen unterstützen. Ohne sie ist es schwer, vorwärts zukommen. Auch ich habe Unterstützer und bin sehr dankbar für ihre Hilfe. Ein Pfarrer sagte mir einmal: „Manchmal muss man auf Abstand zu Menschen gehen, die einem nicht gut tun, wenn man seinen Weg gehen will!“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

 

Und wie haben diese Leute reagiert als dein Weg erfolgreich wurde?

 

Als ich mit unserer Musik-Kabarett-Show „Petticoat & Pomade“ in meiner Heimatstadt Senden in der Stadthalle spielte, meldete sich eine ehemalige Mitschülerin. Sie hatte die Idee ein Klassentreffen zu organisieren. Alle sollten vor dem Auftritt im Restaurant der Stadthalle gemeinsam essen und dann unsere Show sehen. An diesem Abend kamen nur sechs ehemalige Mitschülerinnen. Die Organisatorin sagte mir, sie habe alle eingeladen, aber vor allem von den Jungs kam die Absage, sinngemäß: „Der Oli war früher nie in der Schule, baute nur Scheiße, hatte schlechte Noten und heute soll ich dem Geld dafür geben, dass er das was er früher tat, Musik und Blödsinn reden, beruflich macht? Ganz bestimmt nicht!“ Das war die Aussage eines Mitschülern, die anderen schlossen sich an.

 

Wie hast du es geschafft dich immer selber zu motivieren?

 

Neid muss man sich erarbeiten. Das Mitleid die Jahre davor bekam ich umsonst. Zu Beginn schrieb auch die Presse meiner Heimatregion nicht ganz so schöne Sachen. Von „Traumtänzer“ usw. war die Rede. Mein Vater sagte, ich soll doch aufhören mit meinem schwachsinnigen Träumen. Es gibt Millionen Menschen die mehr Talent haben. Das war unter anderem der Grund, den Kontakt zu meinem Vater abzubrechen. Auch er kapierte nicht, dass es kein 100 %iges Talent braucht um seinen Traum zu leben, sondern Willenskraft und den Glauben an sich selbst. Ich habe immer, bis heute, meine Motivation genau aus diesen Dingen geholt, wenn mich Menschen ausgelacht haben und sagten „DAS schaffst du nicht, DAS kannst du nicht!“ Es gibt keine bessere Motivation als den Hohn und Spott der Anderen. Deswegen steht im Inlay unserer „denkbar“-CD „Gedankensturm“ auch: „Ich danke allen Menschen, die mich für das Festhalten an meinem Traum ausgelacht und verspottet haben. Euer Hohn war und ist mein Antrieb!“

 

Ergibt dein Weg für dich Sinn?

 

Ich denke sehr viel über das Leben nach. Stellte mir immer wieder die Frage, warum lief mein Leben so beschissen? Irgendwann erkannte ich, es musste so sein, um heute als Speaker & Life-Coach zu arbeiten. Ich darf anderen Menschen unterstützend zur Seite stehen, ihnen unter die Arme greifen und sie auf ihrem Weg begleiten. Mein Wissen habe ich nicht aus Motivation Büchern, sondern alles am eigenen Leib erfahren. Ich weiß, wie es ist, vor einer geistigen Wand am Boden zu liegen und keinen Ausweg mehr zu sehen. Und ich weiß, dass es ein Licht am Ende eines jeden Tunnels gibt. Selbst wenn man dieses Licht nicht mehr sieht. Ich habe Strategien und Lösungsmöglichkeiten gefunden, den eigenen Weg wieder gehen zu können. Das gebe ich als Speaker & Life-Coach weiter. So hat für mich meine verkorkste Vergangenheit einen sehr großen Sinn.

 

Arbeitest du heute in deinen Traumberufen?

 

Ich darf anderen Menschen mit meinen Erfahrungen als Life-Coach zur Seite stehen, um ihre eigenen Träume zu verwirklichen. Außerdem darf ich nach wie vor reisen und auf Bühnen stehen, als Musiker, als Speaker, sogar gemeinsam mit meiner Lebenspartnerin. Darf all das heute machen, was aus mir heraus möchte. Ich sehe das nicht als Arbeit an. Das ist für mich „seinen Weg gefunden zu haben und glücklich sein“. So gesehen die Erfüllung der inneren Bedürfnisse. Dennoch habe ich natürlich auch Probleme, und das ist auch gut so. Probleme lassen einen Menschen wachsen.

 

Das Interview mit Oliver Dobisch führte Alexandra.

 

Hast du eine persönliche Botschaft an die Leser?

 

Botschaft ist vielleicht das falsche Wort, eher den Wunsch, dass sich die Menschen wieder mehr um sich selbst kümmern. Ich meine das in der Form, dass sie wieder mehr auf ihr inneres Ich und ihr Bauchgefühl hören. Jeder möchte uns glauben machen, dass wir für die ganze Welt zuständig sind. Dabei vergessen wir uns irgendwann selbst. An sich selbst zu denken, hat nichts mit Arroganz zu tun. Wir sind bestrebt, andere glücklich zu machen, keine Frage! Meiner Meinung nach geht das aber erst, wenn wir uns selbst glücklich gemacht haben. Dann strahlen wir dies aus, sind mit uns im Reinen und können andere Menschen in unserem Umfeld glücklich machen. Wenn das jeder macht, breitet sich das aus und jeder wird glücklich :-). Klar, das ist ein großes Wunschdenken. Aber ich sehe anhand meiner Beratungen und Vorträgen, wie oft Menschen leiden, weil sie für jeden da sind, nur nicht für sich selbst. Und das geht irgendwann nach hinten los. Von daher: Steh zu dir, mach das, was aus dir heraus möchte, egal ob privat oder beruflich. Denn das bist DU. Und Du bist PERFEKT, so wie du bist. Das ist dein Beitrag für diese Welt. Es ist Dein Traum. Dein Weg. Dein Ziel. Dein Leben! Also starte es!

 

Vielen Dank Oliver, dass du aus deinem Leben erzählt hast. Ein großes Dankeschön für das wunderbare Interview, deine motivierenden Worte und die Zeit, die du uns geschenkt hast!

 

Ich bedanke mich recht herzlich bei dir Alexandra für das tolle Interview, wünsche dir und deiner Arbeit mit deinem Magazin und auch den Lesern alles Gute, vielleicht sieht man sich ja einmal, die Welt ist klein :-)

 

 

Mehr Informationen über Oliver Dobisch stehen auf seiner Webseite:

 Seinen Blog gibt es unter:

 

Zur Person:

Oliver Dobisch wurde 1972 in Ulm geboren. Schon als Kind zog es ihn auf die Bühne. Nach vielen privaten wie beruflichen Höhen und Tiefen arbeitet er heute als Speaker, Life-Coach und Sänger. Gemeinsam mit seiner Partnerin Moni Francis tourt er als Band "Denkbar" sowie mit verschiedenen Musik-Shows durch Deutschland.