Interview Ranga Yogeshwar

Interviews | Artikel vom 02.09.2016 | Text von Redaktion

Ranga Yogeshwar: "Die Dinge dürfen uns nicht egal sein!"


Physiker und Moderator Ranga Yogeshwar im Gespräch  |  Foto © Studio 157

Mit „Quarks & Co“ moderiert Ranga Yogeshwar eine der erfolgreichsten wissenschaftlichen Sendungen im deutschen Fernsehen. Er vermittelt lehrreich und gut verständlich technische sowie naturwissenschaftliche Themen. Gezeigte Experimente führt der 57-jährige oft im Selbstversuch durch. Neben den vielen komplexen Themen kommen jedoch auch Alltagsfragen nicht zu kurz. Wir treffen den ambitionierten Physiker, Wissenschaftsjournalisten und Moderator in seinem Büro in der Nähe von Köln und sprechen mit ihm über die Digitalisierung.

 

Herr Yogeshwar, welche technischen Innovationen werden in den nächsten fünf Jahren unser Leben revolutionieren?

 

Es werden immer mehr Sensoren in Apparate eingebaut, die viele verschiedene Impulse erfassen. Die eigentliche Revolution liegt darin, dass die daraus resultierenden Daten intelligent verarbeitet werden. In unseren Häusern gibt es zum Beispiel Schalter und Heizungen. Noch sind diese entkoppelt, aber in den nächsten Jahren werden wir erleben, wie diese Dinge zusammenwachsen und eine eigene Intelligenz entwickeln. Das ist nicht nur deshalb spannend, weil man Heizkosten minimieren kann, sondern auch, weil die Konsequenzen weit über dieses Beispiel hinausgehen. Schon jetzt hat jedes Handy einen Bewegungssensor, Positionsdaten und viele weitere Features. Darin steckt das Potential, unsere Verhaltensweisen und somit Informationen zum Beispiel für den medizinischen Bereich abzulesen. In den nächsten fünf Jahren wird es möglicherweise die ersten Apps geben, die sagen, dass man zum Arzt gehen soll, weil man zum Beispiel Parkinson bekommt.

 

Sie haben selber einen 3D Drucker aus Einzelteilen zusammen gebaut. Werden wir demnächst alle einen besitzen?

 

3D Drucker werden ein wenig anders kommen, als viele sie prognostizieren. Ich glaube nicht, dass man mit einer Selbstverständlichkeit einen 3D Drucker zu Hause haben wird. Es wird ähnlich, so wie es Copyshops gibt, 3D-FabLabs geben, in denen man Dinge ausdrucken kann. In der Technik stellen sie jedoch eine neue Möglichkeit dar, extrem spezialisierte Produkte günstig zu produzieren. Schon jetzt können Teile einer Flugzeugturbine gedruckt und dadurch etwa 60 Maschinenschritte eingespart werden. Als große Produktionstechnik werden sie zwar überschätzt, aber sie sind revolutionär, wenn es darum geht Massenanfertigungen herzustellen, bei denen jedes Produkt anders ist.

 

Werden bald autonome Fahrzeuge unser Straßenbild prägen?

 

Autonomes Fahren wird in mehreren Stufen kommen. Zunächst wird es in die Richtung von Assistenzsystemen gehen. Das heißt, bevor wir zum autonomen Fahrzeug kommen, werden wir Autos haben, die selbstständig Gefahren erkennen, bremsen und ausweichen. Auch was die interne Diagnostik betrifft, sagen sie, wann die Werkstatt aufgesucht werden soll. Ich glaube aber nicht, dass wir in Zukunft das Auto nur durch Intelligenz und Autonomie verändern. Eher denke ich, dass die Mobilität als solches in den nächsten Jahren hinterfragt wird. Vielleicht geht der Trend dahin, dass wir in Städten über Carsharing-Modelle oder Taxiflotten nachdenken. Wir müssen von den viel zu vielen Autos weg kommen. Treiber werden nicht unbedingt die Europäer sein, sondern eher die Chinesen. Es leben fünfzig Prozent der chinesischen Bevölkerung in Megastädten und dort ist Autofahren ein Luxus, der nicht unbedingt schnell ist. Wir machen oft den Denkfehler, dass wir neue Techniken auf die Alten drauf satteln. Dabei begreifen wir nicht, dass neue Technik möglicherweise die Perspektive verändert und die Welt eine andere wird.

 

Der technische Fortschritt ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken! Unsere Daten machen uns berechenbar.  Welche Konsequenzen lassen sich daraus ableiten?

 

Zum einen werden wir über unsere Spuren, die wir im Internet hinterlassen transparenter und zum anderen fällen wir auch Entscheidungen basierend auf dem was im Netz ist. Kaufentscheidungen werden immer stärker geprägt und durch die Informationen beeinflusst, die man zu sehen bekommt. Das geschieht nicht nur durch Werbung, sondern auch durch die Platzierung von Inhalten bei Suchmaschinen. Diese haben einen unmittelbaren Einfluss auf unser Verhalten. Das ist sogar bei politischen Wahlen mit der Platzierung der entsprechenden Kandidaten in den "Highscores" der Suchmaschinen der Fall. Das ist gefährlich, weil damit das Potential gegeben ist, den User in Bezug auf Konsumverhalten und politischen Gedanken unbewusst zu steuern. Bei Wahlen werden die schwankenden zehn Prozent bereits durch solche Maßnahmen beeinflusst. Dieses finde ich insofern bedenklich, weil jene Prozesse nicht transparent ablaufen. Die extreme Vision wäre, dass wir irgendwann von unserem digitalen Umfeld so geprägt werden und nur noch die Illusion einer Freiheit haben. Aber eben keine wirkliche Freiheit mehr.

 

Welche Auswirkungen sind absehbar, wenn der medizinische Bereich unsere Daten erfasst?

 

Unser Lifestyle, zum Beispiel wieviel Sport wir machen, hat Einfluss auf unseren Gesundheitszustand. Bekommt man übermorgen bei der Krankenversicherung einen Rabatt, wenn man seine Daten preisgibt, werden viele in Versuchung kommen dieses Angebot zu nutzen. Im nächsten Schritt werden uns die Apps und Sensoren den Lebensstil diktieren. Das heißt, wir werden anfangen unser Verhalten an Normen anzupassen, die aus rein ökonomischen Gründen gesetzt wurden. Dadurch kommen wir in eine Gesellschaft, die so individualisiert ist, dass wir bei einer Krankenversicherung die Notwendigkeit einer Solidargemeinschaft nicht mehr sehen. Jeder gibt seine eigenen Daten raus, aber der Grundgedanke, dass eine Gemeinschaft füreinander einsteht, ist nicht mehr vorhanden. Solidarität ist der Klebstoff unserer Gesellschaft und diese droht unter der Optik der Ökonomie aufzubrechen. Für die Gewinner, die viel Sport treiben und sich gesund ernähren mag das interessant sein. Aber es wird auch viele Verlierer geben, die das nicht können.

 

 

Wohin wird das führen?

 

Wir ersetzen Kausalität durch Korrelation! Kausalität, also Ursache und Wirkung, ist die Grundlage der Aufklärung. Ich möchte dieses an einem Beispiel deutlich machen: Es gibt eine Bank, die bei der Kreditvergabe nicht die klassischen Schufa-Auskünfte nutzt, sondern die Daten der Kunden mit Hilfe eines Algorithmus' analysiert. Am Ende gibt es eine Korrelation, die entscheidet, ob jemand kreditwürdig ist. Das interessante ist, dass dieser Algorithmus zu kompliziert ist, um zu verstehen, wie er Kredite vergibt. Damit verlassen wir ein Terrain auf dem unser Recht und das Bewusstsein einer Demokratie gründet. Es entwickeln sich also zwei Trends. Das eine ist der Trend, dass aus Kausalität Korrelation wird und der zweite ist die tiefere Betrachtung, wer die Gewinner und wer die Verlierer sind. Die OECD kann seit vielen Jahren in Studien belegen, dass Innovationen im Wesentlichen den oberen zehn Prozent helfen. Die Gradienten von arm und reich kann man eine Zeitlang ertragen, aber irgendwann kippen sie. Wenn wir nicht aufpassen wird die Gesellschaft instabil.

 

Obwohl alle wissen, dass die Daten abgezweigt und ausgewertet werden, geben die Leute mit einer Leichtigkeit ihre privaten Angelegenheiten preis. Wie kann eine Sensibilisierung der Bevölkerung erreicht werden?

 

Ich glaube, dass ist gar nicht so einfach. Der Staat reagiert viel zu träge! Staatliche Stellen sind in der Regel auch erschreckend inkompetent. Man muss sich klar machen, dass es große Konzerne mit sehr klugen Köpfen gibt, die nicht nur strategisch, sondern global denken. Der Staat ist viel zu lahm um dagegen anzugehen. Die Fragestellung lautet, ob es gut ist, dass ein Großteil der Internetinfrastruktur in wenigen Firmen konzentriert ist, die auch noch alle in den USA sitzen. Außerdem erleben wir, dass im Bereich der digitalen Wirtschaft die klassischen Gesetze der Marktwirtschaft ausgehebelt werden. Es gibt keinen Wettbewerb mehr! Alle digitalen Firmen, die zudem nicht transparent sind, haben eine Tendenz zur Monopolisierung. Der Amerikaner sagt „The winner takes it all“. Ich verlange, dass diese relevanten Infrastrukturen transparent und offen gelegt werden und da bräuchte es die Politik!

 

Brauchen wir nationale oder globale Gesetze?

 

Jeder der sagt, dass wir ein globales Gesetz brauchen, unterschreibt den Freibrief, dass man nichts tut. Globale Einigungsprozesse brauchen zu lange. Es würde gehen, dass Deutschland oder die EU klare Kante zeigt. Schließlich kann es nicht sein, dass wir global operierende Unternehmen wie google oder amazon akzeptieren, ohne dass sie hier Steuern zahlen. Ich glaube, wenn man das versäumt, erhalten wir irgendwann die Quittung.

 

Das Internet eröffnet uns eine neue Welt der Wissensaneignung. Wie kann man bei dieser großen Informationsflut eigentlich zwischen wichtigen und unwichtigen, sowie richtige von falschen Informationen unterscheiden?

 

Vor hundert Jahren hieß mehr Demokratie gleich mehr Information. Heute ertrinken wir in einem Informationsmeer. Die Frage nach Orientierung, Glaubwürdigkeit und Transparenz wird immer wichtiger. Diese neue Qualität einer Medienkompetenz, müssen wir uns selber aneignen. Wir müssen einen Blick dafür bekommen was glaubwürdig ist und was nicht. Wir gewöhnen uns daran, dass wir etwas konsumieren, das eigentlich keine Information ist, auch wenn es draufsteht. Wir brauchen Wahrhaftigkeit, Verifizierung und Klarheit. Also eigentlich genau das, was einen guten Journalismus auszeichnet und die Sensibilität einer Bevölkerung, die diesen auch zu schätzen weiss.

 

Viele Berufe werden durch die Folgen der Digitalisierung wegfallen und neue, von denen wir noch nicht wissen welche es sein werden, hinzukommen. Sind unsere Schulen in der Lage, Kinder optimal auf die Zukunft vorzubereiten?

 

Unser Bildungssystem ist in fast allen Hinsichten veraltet und gehört radikal überarbeitet. Es gibt sehr viele Defizite! Es genügt Kriterien aus dem 18. Jahrhundert mit einem Wertesystem, dass Disziplin, Angepasstheit und Reproduktion fördert anstatt der Entfaltung von Kreativität. Außerdem ist es leistungsorientiert, das heißt Schülerinnen und Schüler lernen für Punkte und nicht weil sie merken, dass ihnen zum Beispiel Mathematik weiter hilft.

 

Warum ist das der Fall?

 

Die Bildungsdebatte wird in Deutschland nachlässig geführt. Finanzierung von Schulen, Ausfallzeiten und Nachwuchsprobleme bei Lehrern sind Versäumnisse der Vergangenheit. Wenn irgendwann keine Physiklehrer mehr da sind und man nichts dagegen unternimmt, fällt der Physikunterricht eben aus und das ist heute in einigen Ländern schon der Fall. Viele Menschen behandeln die Schule wie eine Autobahnraststätte. Sie sind froh, wenn sie raus sind und wollen von diesem Thema nichts mehr wissen. Bildung müsste aus den parteipolitischen Dogmen und Länderhoheiten heraus genommen werden. Ich kann es nicht mehr ertragen, wenn Politiker in Wahlkämpfen von Bildung reden. Die Debatten um G8 und G7 sind eine Katastrophe!

 

Was muss geschehen, damit sich etwas verändert?

 

Ich glaube, es braucht einen gesellschaftlichen Konsens. In den USA passierte das, als der „Sputnik“ in den Weltraum kam. Damals erkannte man, dass die Sowjetunion scheinbar gute Schulen hat. In den USA wurden daraufhin Schulbusse eingeführt. Es brauchte also einen Schock von außen. In Deutschland haben wir die Illusion, dass wir gut sind. Doch für eine Industrienation sind wir nur sehr mittelmäßig. Außerdem bleiben viel zu viele Kinder zurück! In den letzten zehn Jahren bekamen 600.000 Schülerinnen und Schüler keinen Schulabschluss. Wenn man solche Zahlen hört, darf man als Bildungspolitiker nicht schlafen! Wir richten Schulen auch nicht auf lebenslanges Lernen aus. In dieser Perspektive haben wir Bildung immer mehr zu einem utilitaristischen Hilfsinstrument verkommen lassen, bei dem es nur um den Beruf geht. Aber Bildung ist mehr als das! Doch selbst Universitäten werden dahingehend reduziert, dass Studenten nicht mehr inhaltlich getrieben werden, sondern Punkte sammeln um den Master zu erreichen.

 

 

Sollten wir uns alle selber weiterbilden und zum Beispiel programmieren lernen, damit wir nicht von jenen abhängig sind, die diese Technik beherrschen?

 

Ja! In einer Welt, die sich so schnell verändert, müssen wir eine Sensibilität für Neues entwickeln. Wenn wir in der heutigen Zeit von einem Abschluss reden, ist das ein Anachronismus. In unserer schnelllebigen Zeit ist jeder Abschluss höchstens ein Anfang! Wir dürfen als Bürger nicht in den Zustand kommen, nur noch das zu konsumieren, was sich andere schlaue Köpfe haben einfallen lassen. Wir müssen Kreativität entfalten und die Voraussetzung dafür ist Kompetenz. Kindern und Erwachsenen sollte man klar machen, wie Programmieren funktioniert. Jeder, der es probiert merkt, dass es gar nicht so kompliziert ist. Das soll nicht heißen, dass wir morgen google Konkurrenz machen, aber wir bekommen eine andere Sensibilität. Und zur Not können wir auch einmal eine App schreiben!

 

Herr Yogeswar, vielen Dank für dieses Gespräch! Möchten Sie noch eine persönliche Botschaft an die Leserinnen und Leser richten?

 

Die Dinge dürfen uns nicht egal sein! Engagiere dich und misch dich ein!

 

 

Zur Person:

Ranga Yogeshwar wurde 1959 in Luxemburg geboren. Er ist Physiker, Wissenschaftsjournalist, Moderator und Autor. Nachdem er bei verschiedenen Verlagen gearbeitet hatte, kam er Anfang der 80er zum Hörfunk und Fernsehen. Er moderiert seitdem zahlreiche Sendungen unter anderem die Wissenschaftssendung „Quarks & Co“ im WDR und „Die große Show der Naturwunder“ in der ARD. Öffentlich nimmt er an Experimenten teil und vermittelt einem breiten Publikum auf leicht verständliche Weise wissenschaftliche und technische Themen. Mit seiner Frau und seinen vier Kindern lebt er in der Nähe von Köln.

Das Interview mit Ranga Yogeshwar führte Alexandra. Vielen Dank an Thomas Arendt (Fotografenmeister) und Thomas Fricke (Organisation).