Interview mit Markus Haase

Interviews | Artikel vom 10.03.2017 | Text von Redaktion

Markus Haase: "Jeder will heute Popstar, Schauspieler oder YouTube-Künstler sein!"


Markus Haase im Gespräch in der Design Post | Fotos © Gerd Lödige

Markus Haase spielt derzeit Kommissar Dirk Hohnert in der RTL Serie „Alles was zählt“ und spricht u.a. die Kommentare der aktuellen „Deutschland sucht den Superstar“ Staffel. Wir treffen den Schauspieler, Synchronsprecher und Dozenten für Schauspiel in der Kölner „Design Post“. In dieser modernen Möbelausstellung fühlt sich Markus direkt wie zu Hause und probiert sofort ein paar Sitzgelegenheiten aus. Die inszenierten Räume des ehemaligen Postamtes, das 2005 aufwendig saniert wurde, erinnern an die Kulissen einer Fernsehproduktion. Im Interview spricht der 45-jährige über den Sinn von Castingshows, wie die Digitalisierung seinen Beruf beeinflusst und auf welche Weise sich das Theater in Zukunft präsentieren muss.

 

Markus, Du bist aktuell als Kommissar Dirk Hohnert bei „Alles was zählt“ auf RTL zu sehen. Was reizt dich an dieser Rolle besonders?

 

Jeder kleine Junge hat schon mal Polizist gespielt. Als Kinder haben wir Räuber und Gendarm gespielt, heute darf ich das als Erwachsener im Fernsehen. Im „real Life“ möchte ich aber tatsächlich kein Polizist sein, der Beruf ist mir zu gefährlich. Als Schauspieler brauche ich keine Angst zu haben, erschossen zu werden, darf aber trotzdem die Sprüche eines Kommissars loswerden, durchlebe also den Arbeitsalltag ohne jegliches Risiko. Natürlich ist der Weg dieser Figur von den Autoren vorgegeben, aber ich bin derjenige, der sie mit Leben füllen muss. Einfach ist das nicht, denn die Figur Dirk Hohnert taucht in der Serie plötzlich auf und besitzt keine Vorgeschichte, keine Biographie. Die muss ich erfinden. Ob mir das gelungen ist, kann man sich derzeit jeden Abend um 19.05 Uhr auf RTL ansehen.

 

„Alles was zählt“ ist eine Soap. Genauso wie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, „Unter uns“ und „Verbotene Liebe“. Wie stehst Du als ausgebildeter Schauspieler zu diesem Serienformat?

 

Vor fünfzehn oder zwanzig Jahren hätte ich wahrscheinlich gesagt, dass ich keine Soap drehen möchte. Inzwischen ist dieses Format jedoch wirklich sehr gut geworden. Es macht mir großen Spaß mitzuspielen und ich war überrascht, mit welcher Professionalität und mit welch unglaublicher Geschwindigkeit alle am Set arbeiten. Der Zeitplan ist sehr eng gestrickt: Man kann sich nicht den ganzen Tag über eine Szene austauschen, sondern man bespricht sie mit der Regie, die Technik richtet derweil ein, es wird kurz geprobt und dann gedreht. Die meisten Leute wissen nicht, dass sich die Räume alle am selben Set, also in einer großen Halle befinden. Ähnlich wie hier in der „Design Post“. Das Krankenhaus, das Büro, die Schlafzimmer und sogar der Pool befinden sich alle an einem Ort. Aber es wird leicht die Illusion erzeugt, dass es sich um die Wohnung einer bestimmten Familie oder dem Trainingsbereich in einem Sportzentrum handelt.

 

Zurzeit hört man dich auch als Kommentarstimme bei „Deutschland sucht den Superstar“. Heutzutage träumen viele junge Menschen von einer Karriere im Show Business. Casting- und Talentshows fördern dieses Bedürfnis oder lassen es sogar erst entstehen. Was denkst Du über dieses Phänomen?

 

„DSDS“ geht jetzt ins fünfzehnte Jahr. Die 14. Staffel läuft gerade und erfreut sich größter Beliebtheit. Das Format prägt inzwischen bereits zwei Generationen. Manche haben mit zehn, zwölf oder fünfzehn Jahren angefangen die Sendung zu gucken und kommen jetzt mit Mitte zwanzig oder Anfang dreißig, um vorzusingen. Ich weiß nicht, wie realistisch die Leute ihre Chancen einschätzen. Einige können das sicherlich ganz gut, aber ich glaube, die meisten haben eine ganz falsche Vorstellung davon. Es kann natürlich eine Plattform sein, aber die absolut allerwenigsten werden Popstar, nachdem sie sich vor die Jury gestellt und einmal vor Dieter Bohlen gesungen haben. Blickt man auf die letzten fünfzehn Jahre zurück, fallen einem nicht viele Kandidaten ein, die danach wirklich Karriere gemacht haben.

 

Vielleicht genügt es manchen Leuten auch, für eine gewisse Zeit einmal berühmt zu sein.

 

Naja, ich glaube, wenn man einmal ein wenig daran geschnuppert hat, wie es sein könnte, als Popstar und Promi durch die Weltgeschichte zu reisen, will man das nicht mehr missen. Es gibt ja genug Beispiele von (Ex)Prominenten, die durchaus bekannt und erfolgreich waren, und plötzlich nicht mehr gefragt sind. Ist man das High Society Leben einmal gewohnt, ist die Fallhöhe enorm. Das heißt jetzt nicht, dass man jeden Tag über den roten Teppich läuft, Sekt trinkt und wilde Partys feiert, aber von einem gewissen Lebensstandard wieder herunter zu kommen, fällt den meisten relativ schwer.

 

Auch wenn es viele nicht schaffen, werben Castingshows weiterhin damit, dass jeder die Chance hat ins Showbusiness zu kommen.

 

Das stimmt im Prinzip ja auch. Jeder hat die Chance und offenbar haben die Leute auch alle ein großes Bedürfnis danach. Nur: Die allerwenigsten schaffen es. Es gibt aber eben sehr viele Menschen, die unbedingt ins Fernsehen wollen. Das sieht man vor allem in den furchtbaren „Scripted Reality“ Formaten wie zum Beispiel „Familien im Brennpunkt“ oder „Verdachtsfälle“. Diese Sendungen werden komplett mit Laiendarstellern produziert. Ich kann mir das keine zwei Minuten angucken, aber ich kann verstehen, dass es Leute gibt, die den Drang haben, einmal dort mitzuwirken. Sie finden es ganz toll sich im Fernsehen zu sehen und es ist leicht, da genommen zu werden. Viele Leute begreifen jedoch nicht, dass diese Laienveranstaltungen absolut nichts mit professionellem Schauspiel zu tun hat. Manche glauben, weil sie „Verdachtsfälle“ oder „Familien im Brennpunkt“ gedreht haben, wären sie jetzt Schauspieler. Sind sie natürlich nicht! Sobald sie ein seriöses Format drehen müssten, würden sie kolossal scheitern. Der Beruf des Schauspielers ist ein Handwerk, das man erlernen muss.

 

 

Neben „DSDS“ ist deine Stimme aus vielen Werbespots bekannt. Welche Auswirkung haben deiner Meinung nach Werbung, retuschierte Bilder und Castingshows auf junge Menschen?

 

Sendungen wie „Germanys Next Topmodel“ von Heidi Klum oder „Der Bachelor“ sind ja in ständiger Kritik, weil sie den Mädchen ein Idealbild von Frauen suggerieren. Es gab einmal eine ganz tolle Postkarte einer Kosmetikfirma auf der stand: DreihundertFrauen sind Supermodels. Drei Milliarden nicht. Man kann nur jedem Mädchen empfehlen, nicht blind diesem Idealbild nachzueifern. Natürlich ist es völlig in Ordnung, wenn jemand Model wird, der/die gut aussehend ist und die passenden Maße mitbringt. Aber es muss nicht jeder Model werden und es muss auch nicht jeder Schauspieler werden. Es ist jedoch nicht nur Aufgabe der Eltern, ihren Kinder beizubringen, sich so zu akzeptieren, wie sie sind, sondern auch die unserer Gesellschaft.

 

Wie würdest Du reagieren, wenn Deine Tochter sagt „Papa ich möchte Model werden?“

 

Ich würde sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten machen lassen, aber darauf achten,dass sie nicht mit Zwanzig zum Chirurgen geht und etwas an ihrem Körperverändern lässt, da gingen bei mir alle Alarmlampen an. Gerade, wenn junge Mädchen schon solche Eingriffe an ihrem Körper vornehmen lassen, frage ich mich: Was haben die für eine Selbstwahrnehmung? Hand aufs Herz, wer ist denn schon zu hundert Prozent mit seinem Äußeren zufrieden? Aber ich käme nie auf die Idee, mich deswegen unters Messer zu legen. Junge Leute sollten keinem Bild hinterherlaufen, das sie im Zweifelsfall sowieso nicht erfüllen könnten, sondern lernen, sich so zu akzeptieren, wie sie sind!

 

Wie wichtig ist es mit sich selber klar zu kommen, wenn man Schauspieler werden möchte?

 

Als Schauspieler sollte man schon so gefestigt sein, dass man von seinem eigenen „Ich“ ausgehend, andere Figuren verkörpern kann. Dafür braucht man ein gesundes Selbstwertgefühl und sollte sich zu hundert Prozent so akzeptieren, wie man ist. Wenn man Ängste oder Komplexe hat, ist man nicht gut beraten, diesen Beruf auszuüben. Als Schauspieler beschäftigt man sich sehr viel mit der Psyche des Menschen und natürlich mit seiner eigenen. Der Chellist hat zum Beispiel einen Bogen und sein Instrument in der Hand. Ein Maler hat einen Pinsel und eine Leinwand. Als Schauspieler habe ich aber nur mich. Meinen Körper, meine Stimme, meine Sprache. Genauso, wie ein Musikerlernen muss, sein Instrument zu beherrschen, so muss der Schauspieler lernen, sich selber zu „beherrschen“.

 

Dank YouTube, Facebook, Instagram und Co kann heute jeder ohne Ausbildung Popsänger, Schauspieler oder Topmodel werden. Wie schätzt Du diese Entwicklung ein?

 

Das kann ja jeder gerne versuchen. Viel Glück! (lacht) Ich bin mit diesen ganzen YouTube-Videos und Channels offen gestanden hoffnungslos überfordert. Jeder ist heute Popstar, Schauspieler, Musiker, Entertainer, YouTube-Künstler. Ein paar schaffen es, weil sie wirklich gut oder besonders originell sind, aber Hundertausende scheitern kolossal. Ich würde jedem raten, der meint irgendetwas besonders gut zu können, es auszuprobieren und sein Video bei YouTube hochzuladen oder Fotos auf Instagram zu posten. Wenn man genügend Leute findet, denen das gefällt: Prima. Die Frage ist nur, ob das jeder schafft und die Antwort lautet natürlich: Nein. Die Leute haben doch bereits so viele Videos und Clips gesehen, dass sie komplett reizüberflutet sind. Irgendwann sind die Superlative ja erschöpft.

 

Durch diese neuen Möglichkeiten haben natürlich viele unentdeckte Talente endlich die Chance, reich und berühmt zu werden! Hättest Du diese Möglichkeiten während Deiner Anfänge auch genutzt, wenn es sie damals schon gegeben hätte?

 

Auf jeden Fall. Natürlich nutzt man diese ganzen Kanäle, wenn man in irgendeiner Weise bekannt werden will. Es gibt viele Schauspielkollegen und Kolleginnen, die privat einen Account bei Facebook haben und zusätzlich einen Fan Account, den sie nutzen um das abzubilden, was sie beruflich machen. Der Grad zwischen „Ich präsentiere hier meine Arbeit“ und „Fishing for compliments“ ist allerdings sehr schmal.

 

Wie wichtig sind denn heute im allgemeinen online Vermarktung und Social Media Kanäle in Deiner Branche?

 

Es geht gar nicht mehr ohne. Ich bin noch mit drei Fernsehsendern aufgewachsen. Irgendwann kam das Privatfernsehen dazu und inzwischen informieren sich die allermeisten Leute längst im Internet. Printmedien haben deswegen große Schwierigkeiten, ihre Zeitungen und Magazine abzusetzen. Dieses Medium ist Fluch und Segen in einem. Auf der einen Seite hat man schnellen Zugriff auf sämtliche Informationen und eine perfekte Vermarktungsmöglichkeit, auf der anderen Seite wird eben auch alles Mögliche im Internet breit getreten.

 

Kannst Du dir vorstellen, dass durch die neuen Medien das Fernsehen abgeschafft wird?

 

Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Aber es wird sich verändern, bzw. hat sich längst verändert. Das Internet vermischt sich immer mehr mit dem Fernsehen. Das ZDF hat zum Beispiel Spartensender, die es vorher in dieser Form nicht gab. Natürlich gibt es heutzutage Internet TV oder Sachen, die komplett „gestreamt“ werden. Das hat einerseits den Vorteil, dass es ein breiteres Angebot gibt und andererseits den Nachteil, dass ebenauch viel Schrott produziert wird. Viele gucken ja schon kein „normales“ Fernsehprogramm mehr, sondern gehen direkt auf Amazon Prime, Netflix oder Watchever. Bei mir ist das ähnlich. Ich schaue vielleicht noch ein paar politische Magazine wie „Report Mainz/ München“, „Frontal21“, oder Tier- und Naturdokumentationen. Regelmässig eigentlich nur „Tagesschau“ oder „Tagesthemen“. Ich „zappe“ auch nicht mehr durch die Kanäle. Die Zukunft heisst „Video on demand“ ohne Kompromisse. Jeder kann zu jederzeit das gucken, was er sehen möchte.

 

 

Du unterrichtest an der Arturo Schauspielschule Köln. Braucht man denn heute überhaupt noch diese klassische Ausbildung?

 

Ja, unbedingt. Insbesondere dann, wenn man ans Theater möchte. Das Gute bei Film und Fernsehen ist, dass man ein Netz und doppelten Boden hat. Das heißt, wenn eine Szene beim ersten Mal nicht funktioniert oder wenn man sich mal verspricht, dreht man sie einfach noch einmal. Auf der Bühne ist das nicht möglich. Du hast genau einen Versuch. Wenn ein Stück eineinhalb bis zwei Stunden dauert und man sich in jedem zweiten Satzverhaspelt oder ständig über die eigenen Füße stolpert, dann zeigt sich ganz schnell, warum eine Ausbildung sinnvoll ist.

 

Und bei Film und Fernsehen braucht man diese Ausbildung nicht zwingend?

 

Bei Film und Fernsehen ist es ein bißchen anders. Es gibt tatsächlich einige Leute, die ohne Ausbildung in diesen Beruf rein kommen. Natürlich spielen hier auch Äußerlichkeiten eine Rolle. Doch wenn man bei Film, Fernsehen und Kino eine qualitativ hochwertige Produktion machen möchte, ist man auf ausgebildete Schauspieler angewiesen. Ein Laie kann zwar vielleicht toll vor der Kamera aussehen und vielleicht hat er ja auch eine angenehme Ausstrahlung, in der Regel weiß er aber nicht, wie er eine Rolle verkörpern soll. Der Laie kann sich selber spielen. Das war´s. Wenn man beispielsweise einen bulligen Türsteher braucht, der komplett tätowiert ist und angsteinflößend aussehen muss, dann nimmt man einfach einen echten Türsteher. Unter Umständen kann der aber nicht gut sprechen, oder er hat einen Dialekt, der in dem Film nicht so wirklich gut funktioniert. In deutschen Film- und Fernsehproduktionen werden solche Laiendarsteller dann einfach von Schauspielern nachsynchronisiert.

 

Viele Deiner Werbespots und Kommentare nimmst Du bereits in Deinem eigenen Tonstudio zu Hause auf. Wie verändert die Digitalisierung Dein Berufsfeld?

 

Ganz enorm. Früher musste ich ins Studio fahren, auch wenn ich nur einen Satz gesprochen habe. Ich wohne in Köln und wenn ich jedesmal nach Düsseldorf, Frankfurt oder Hamburg fahren muss, ist das für mich natürlich mit einem großen Zeitaufwand verbunden. Ich mache das natürlich immer noch gerne, weil ich gern unter Menschen  komme, aber ich nehme inzwischen auch sehr viel in meiner Kabine auf. Das Studio befindet sich vielleicht in München, die Kunden können in Kiel sitzen und während einer Telko, also einer Telefonkonferenz, kann jeder mit jedem sprechen. Es spart Zeit, wenn ich das Haus nicht verlassen muss. Außerdem schont es auch noch die Umwelt und entlastet die Straßen, weil ich nicht mehr ins Auto steigen muss.

 

Welche weiteren Bereiche haben sich in den letzten zwanzig Jahren in Deinem Berufsfeld durch die Digitalisierung verändert?

 

Eigentlich alles. Die Aufzeichnung mit digitalen Medien erleichtert uns enorm die Arbeit. Früher konnte nur auf Film gedreht oder auf Tonband aufgenommen werden. Es gab nicht die Möglichkeit, einen Satz zu komprimieren, ihn breiter zu ziehen, zu schneiden oder eine Pause zu verändern. Heute können wir Satz für Satz aufnehmen und ihn digital bearbeiten. Alles was nicht passt, wird passend gemacht. Es kostet ja auch nichts mehr. Speicher und Equipment sind erschwinglich geworden. Das bietet große Chancen, z.B. für junge Filmemacher. Heute braucht man eine gute Digitalkamera, mit derman filmen kann, und schon kann für relativ kleines Geld eine HD Produktion hergestellt werden.

 

Wie werden 3D-Animationsfilme, virtuelle Schauspieler, Special Effects undComputeranimationen die Zukunft beeinflussen?

 

Als vor so vor zehn, fünfzehn Jahren die ersten Filme mit Avataren und Komplettanimationen auf den Markt kamen, stellte ich mir bereits die Frage, ob wir Schauspieler jetzt arbeitslos werden. Bei dem Film „Polarexpress“ verschwimmen ja bereits die Grenzen. Mit „Motion capturing“ wird zwar mit echten Schauspielern gedreht, diese sehen aber im Film so aus wie animierte Figuren. Bei Videospielen wird das beispielsweise häufig eingesetzt. Die Schauspieler sind dabei mit vielen Sensoren beklebt und werden vor einem Greenscreen gefilmt. Im Nachhinein wird ein künstlicher Hintergrund eingefügt. Wenn ich persönlich eine Prognose abgeben müsste, würde ich jedoch behaupten, dass man die Menschen nie komplett durch Computertechnik ersetzen wird. Zumindest müssen sie ja noch die kreativen Ideen entwickeln. (lacht)

 

Wird man denn beim Synchronisieren irgendwann auf den Menschen verzichten können?

 

Dank Siri kann man sich ja heute schon fast mit seinem Handy unterhalten. Im Vorfeld hat das allerdings eine echte Sprecherin aufgenommen, die mehrere Wochen im Studio saß. Die Worte werden bei der sogenannten Sprachsynthese ja nicht künstlich generiert, sondern ein Mensch muss sie einsprechen. Der Computer setzt sie dann zusammen. Inzwischen gibt es allerdings schon Techniken, die sehr nah an die menschliche Stimme heran kommen und ich will nicht ausschließen, dass es in Zukunft möglich sein wird, menschliche Stimmen so zu simulieren, dass es schwer sein wird, einen Unterschied zu hören.

 

Was müsste das Theater im Zeitalter von Smartphones, Tablets und YouTube tun, um weiterhin auch für ein junges Publikum attraktiv zu bleiben?

 

Genau das, was es schon in den letzten hundert Jahren getan hat: Mit Menschen auf der Bühne Geschichten erzählen. Ich glaube das Theater kann und sollte gar nicht versuchen, mit Film, TV und den neuen Medien zu konkurrieren, weil es dabei nur verlieren kann. Wenn ich Special Effects haben will, eine tolle Kulisse, schöne Landschaftsbilder oder explodierende Autos sehen möchte, dann gehe ich besser ins Kino. Aber wenn ich Menschen auf der Bühne erleben will, die mir berührende Geschichten erzählen und bei denen ich mitfiebern kann, dann gehe ich ins Theater. Und wenn die Schauspieler es schaffen, mich vergessen zu lassen, wo ich mich gerade befinde und dass ich eine künstlich hergestellte Geschichte sehe, dann ist das magisch. Auch für politische Auseinandersetzungen und Bildung ist das Theater unverzichtbar. Ich finde es erschreckend, dass die Leute immer weniger ins Theater gehen und sich nur wenige Menschen damit auseinandersetzen. Wenn wir wirklich den Anspruch haben, dass Literatur, Kunst, Sprache und Dichtung weiterhin in unserer Welt stattfinden, brauchen wirunbedingt die Theater. Der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäckersagte einmal: „Das Theater ist ebenso wichtig, wie die Müllabfuhr. Denn es ist die Müllabfuhr für die Seele.“

 

 

Wie können die Theater die neuen Medien nutzen um auf sich aufmerksam zu machen?

 

Jedes Theater hat inzwischen eine eigene Homepage und eine Seite auf Facebook. Mittlerweile gibt es zu jedem Theaterstück einen Trailer wie für einen Kinofilm, den man sich ansehen kann. Die Theater präsentieren sich nach außen und bauen Kontakte zu den Leuten auf. Ich empfehle jedem ins Theater zu gehen, weil man dort echte Menschen auf der Bühne sehen kann.

 

Wo siehst Du im Angesicht der Digitalisierung Deinen Platz in der Zukunft?

 

Was das angeht bin ich ein ziemlich untypischer Schauspieler. Das Klischee des Schauspielers ist ja, dass er als Künstler relativ wenig Ahnung von Technik hat und noch nicht einmal weiß, wie man ein Loch in die Wand bohrt. (lacht) Ich kann mit einer Bohrmaschine umgehen, bin fit am Computer und bin der totale Technik-Freak. Was die digitale Welt angeht, bin ich up-to-date. Ich finde es wichtig, dass man die moderne Technik nicht zum Feind erklärt, sondern sich mit ihr verbündet und sich zu Nutze macht. Im Moment sehe ich der ganzen Entwicklung positiv und gelassen entgegen. Mal ganz von meinem Beruf und meiner Branche abgesehen, glaube ich, dass die Digitalisierung eine große Chance ist. Selbstfahrende Autos, Einparkhilfen oder Bremsassistenten können Leben retten und das finde ich großartig. Natürlich kann ich auch verstehen, dass Leute Angst vor diesen rasanten Entwicklungen haben, weil sie so schnell nicht mitkommen. Aber ich bin ein Befürworter von Wissenschaft, Forschung und Technik und freue mich, dass sich alles so schnell weiterentwickelt und unser aller Leben erleichtert.

 

Lieber Markus, vielen Dank für dieses Gespräch!

 

 

Zur Person:

Markus Haase wurde 1971 in Bochum geboren. Er absolvierte seine Schauspielausbildung an der staatlichen Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Stuttgart. Er ist Schauspieler für zahlreiche Theater- und Filmproduktionen und Synchronsprecher für Werbespots, Hörbücher, Computerspiele, Dokumentationen u.v.m. Mit seiner Familie lebt er in Köln und ist in seiner Wahlheimatstadt an der Arturo- Schauspielschule als Dozent für Schauspiel tätig.

 

 

 

Das Interview mit Markus Haase führte Alexandra von VISIONMAG. Vielen Dank an Gerd Lödige (Fotograf), Thomas Fricke (Organisation) und das Team der "Design Post".