· 

Gert Scobel:" Es gibt keine uninterpretierte Wirklichkeit!"

Gert Scobel im Gespräch | Fotos © Studio157

Mit seinem aktuellen Buch „Der fliegende Teppich“ stellt der renommierte Philosoph, Theologe und Fernsehmoderator Gert Scobel eine Diagnose unserer modernen Zeit. Wir treffen den 58-jährigen Autor während der 5. phil.cologne im Kölner Hotel Savoy. Im Interview spricht er über das Gefühl der Bodenlosigkeit, Beziehungen und verlässliche Erkenntnisse. Er blickt auch in turbulenten Zeiten positiv in die Zukunft und vermittelt mit spannenden Denkanstößen, wie wir neuen Halt finden können.

 

Herr Scobel, in Ihrem aktuellen Buch „Der fliegende Teppich. Eine Diagnose der Moderne“ schreiben Sie, dass die Welt keinen Boden hat. Und das, was wie ein Boden scheint, in Wahrheit ein fliegender Teppich ist. Warum hat der moderne Mensch dieses Gefühl der Halt- und Bodenlosigkeit?

 

Ich glaube, das hat nicht nur der moderne Mensch. Schaut man sich die überlieferten Zeugnisse der Religionen, Literatur und Philosophie aus den letzten paar tausend Jahren an, stellt man fest, das die Boden- oder Haltlosigkeit des Lebens immer schon Thema war. Das hängt u.a. damit zusammen, dass wir keine Erinnerungen an den Anfang haben. Neurophysiologen sagen, dass unsere ersten wirklichen Erinnerungen etwa mit vier Jahren einsetzen. Der Anfang verschwindet im Grau und über das Ende, den Tod, wissen wir soweit auch nichts. Das heißt, wir haben vorne ein Grau und hinten ein Grau. Zwischendrin erleben wir immer wieder das Gefühl „abzustürzen“. Das erzeugt alles in allem ein Gefühl der Bodenlosigkeit.

 

Machen Sie persönlich auch diese Erfahrungen?

 

Ich denke, die macht jeder. Unglücklich verliebt, Berufswünsche, die überhaupt nicht klappen, Tod von Freunden, Eltern, sogar vom Hund. Dramatische Geschichten in Familien mit Krankheiten, in denen Menschen über Jahre hinweg heftige Schmerzen haben oder behindert sind. Die vielen Menschen, die verhungern. Die vielen Toten in den Kriegen. Vielleicht ist das auch eine Altersfrage, aber mir geht es zunehmend so, dass es mir, wenn ich drei Tage hintereinander intensiv Nachrichten und Dokumentationen geschaut habe, erst einmal reicht. Beim Stichwort Syrienkonflikt oder Flüchtlingskrise bekomme ich das Gefühl der Bodenlosigkeit. Dieser ganze Sicherheitsfanatismus, den wir im Moment in der Politik haben, ist doch nichts anderes als eine Kompensation der Ansicht, dass unser Leben eigentlich bodenlos ist.

 

 

Das ganze Interview lesen Sie in der INVOLO Printausgabe.

Bestellen Sie jetzt das Magazin!

 

Zur Person

Gert Scobel wurde 1959 in Aachen geboren. Er studierte Philosophie und katholische Theologie. Heute arbeitet er als Journalist, Moderator und Autor. Er moderierte seit 1995 diverse Kulturformate in Fernsehen und Hörfunk. Darunter die Sendungen „Kulturzeit“ in 3sat und „Sonntags – TV für’s Leben“ im ZDF. Seit 2008 moderiert er die Sendung „Scobel“, die bei 3sat gesendet wird. Gert Scobel ist seit 2016 Professor für „Philosophie und Interdisziplinarität“ an der Hochschule Bonn Rhein-Sieg-Kreis. Sein neues Buch „Der fliegende Teppich - Eine Diagnose der Moderne“ ist am 23. März 2017 im Fischerverlag erschienen.