Interview: Matthias Horx über Liebe, Sex und Familie in der Zukunft!

INTERVIEWS | Artikel vom 08.09.2017 | Text von Redaktion

Matthias Horx über Liebe, Sex und Familie in der Zukunft!


Matthias Horx, Trend- und Zukunftsforscher (www.horx.com) | Foto © Klaus Vyhnalek

In seinem kürzlich erschienenen Buch „Future Love - Die Zukunft von Liebe, Sex und Familie“ entwickelt der renommierte Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx ein Panorama unserer zukünftigen Liebeskultur. Wir trafen den 62-jährigen Autor und Gründer des „Zukunftsinstituts“, in der Frankfurter „Villa Kennedy“ zum Gespräch. Im Interview sprach er über die Zukunft der Ehe, neue Formen von Partnerschaften und den Einfluss der Digitalisierung auf unser Liebesverhalten.


Herr Horx, Sie haben ein Buch über die Liebe in der Zukunft geschrieben. Welche Bedeutung wird die Liebe in der Welt von Morgen haben?

 

Liebe ist ja so etwas wie die Essenz des Menschen, unsere Daseins-Grundlage. Wir alle sind per se Liebes-Wesen; wenn wir auf die Welt kommen, sind wir hilflos und liebesbedürftig, wenn wir ein lebendiges, erfülltes Leben führen wollen, müssen wir „intelligent lieben”. Davon handelt mein Buch: Wie sich die Liebe als Grundlage aller Zukunft verstehen lässt, auch der Verwandlung, der Innovation. Wie sich ihre FORMEN zwar ändern, ihre evolutionäre Funktion aber gleichbleibt: Nämlich das Neue hervorzubringen. Liebe ist meiner Meinung nach die entscheidende Zukunfts-Kraft. Ohne sie gibt es keine Zukunft.

 

Immer weniger Paare heiraten heutzutage. Bekommt die Ehe in der Zukunft einen neuen Stellenwert?

 

Einspruch: Die Leute heiraten wieder MEHR, aber das heißt natürlich nicht unbedingt, dass Liebe gelingt. Die bürgerliche Ehe als Institution ist ja in ganz anderen sozioökonomischen Verhältnissen entstanden. Es gab eine starke Arbeitsteilung von Mann und Frau. Auch der Haushalt war arbeitsaufwendig. Der Deal war, die Frau kümmert sich um den Haushalt und die Kinder und der Mann verdient das Geld. Diese Institutionen aus der Industriegesellschaft zerbröseln jetzt. Es entwickeln sich radikal andere Liebes-Kontrakte, von der „Lebensabschnittspartnerschaft” bis zur Polyamorie oder dem Versuch, Liebe in den virtuellen Raum abzuschieben. Weil das alles so verwirrend erscheint, kommt es zu einer großen Nostalgie-Welle, die sich zum Beispiel in perfekt inszenierten Super-Hochzeiten ausdrückt. Die Erfahrung zeigt aber, dass die Verherrlichung alter Beziehungsformen nicht sehr erfolgreich ist.

 

Matthias Horx, Trend- und Zukunftsforscher (www.horx.com) | Foto © Klaus Vyhnalek

 

Welche neuen Formen wird die Liebe annehmen?

 

Ein Teil des Buches handelt auch von der Freundschaft als eine Teilmenge der Liebe, und der Frage, wie das Verhältnis zwischen der intimen Paar-Liebe und den sozialen Beziehungen jenseits der genealogischen Familie sein könnte. Das Konzept der Kleinfamilie funktioniert ja nicht richtig, man sagt ja so schön: „Wenn man Kinder erziehen will, braucht man ein ganzes Dorf.” Ich berichte in „Future Love” auch von meiner Jugend in Wohngemeinschaften; damals gab es ja eine Vielzahl von progressiven Großfamilien-Experimenten. Daraus entwickeln sich jetzt neue urbane Lebensformen wie „Co-Living“, das Zusammenwohnen in ökologischen, intergenerativen Siedlungsprojekten. Eine andere Möglichkeit wäre, dass sich die Partner-Bindungen im Laufe eines heute ja viel längeren Lebens „verflüssigen”, ich nenne das „Liquid Love“. Wir hätten nach diesem Modell bis zu zehn Partner im Laufe des Lebens, und wir würden auch wieder lernen, durch Distanz die Spannung und Erotik aufrecht zu erhalten. Außerdem gibt es die gewagteren Experimente wie Polyamorie oder Multiamorie. Polyamorie bedeutet in mehrere Menschen gleichzeitig verliebt zu sein, Multiamorie, die Liebe auf verschiedene Menschen aufzuteilen. Mit dem einen hat man Sex, mit dem anderen Seelenfreundschaft und mit dem Dritten Kinder. Solche Liebesmodelle sind häufiger, als man denkt und das gab es auch früher schon in anderen Formen. Gewissermaßen sind das alles Evolutionsmöglichkeiten der Liebeskultur in einer Individualgesellschaft, und ich versuche, sie in Szenarien zu beschreiben.

 

Beziehungen werden also nicht monogam bleiben?

 

Die evolutionäre „Grundeinstellung” des Menschen ist die Monogamie, allerdings immer mit Ausnahmen. Monogamie ist in der Evolution des Menschen als eine Methode entstanden, den Säugling für etwa vier Jahre „verlässlich” großzuziehen, bevor man ihn an den Stamm übergibt. Das Problem ist, dass die Leidenschaft zwischen Liebespartnern nach etwa 4 Jahren nachlässt, und das spiegelt das alte Stammes-System, das ja 99 Prozent der Menschheitsgeschichte andauerte und sich erst heute, in der modernen Zivilisation, auflöst. Wir hätten als Menschheit früher aber nicht überlebt, wenn die Monogamie nicht auch flexibel gewesen wäre. Früher in der Stammesgesellschaft mussten sich die Menschen ja auch wieder neu verlieben, wenn zum Beispiel der Partner gestorben ist, das Leben war ja kurz und unruhig. Zur Treue gehört also immer auch die Möglichkeit der Nicht-Treue. Heute ist das Mehrheitsmodell die „serielle Monogamie”; das heißt man hat mehrere Partner, denen man ehertreu ist, HINTEREINANDER: Städter haben heute im Durchschnittungefähr acht bis neun Beziehungen bevor sie sich mit Mitte dreißig für einen Lebenspartner festlegen, mit dem sie dann auch überwiegend Kinder bekommen. Danach ist eigentlich wieder alles offen und wenn die Kinder aus dem Haus sind, gibt es noch mal einen Scheidungspeak. Diese flexiblen Modelle werden sich natürlich weiter ausbreiten. Die Anzahl der Menschen, die mit nur EINEM Partner ein ganzes Leben verbringen, war in unserer Großelterngeneration noch groß, heute ist das eine kleine Minderheit.

 

Matthias Horx, Trend- und Zukunftsforscher (www.horx.com) | Foto © Klaus Vyhnalek

 

Inwieweit verändert die Digitalisierung unser Liebesleben?

 

Die ganze Idee von Liebes- und Sexrobotern und virtueller Liebe ist ein inneres Paradox, weil das natürlich keine Liebe ist. Es ist ein Ersatz dafür. Durch das Netz gibt es eine zusätzliche Pornographisierung; für Menschen, die keinen Partner haben, wird Erotik nun auch zugänglich, aber das hat natürlich auch den Charakter eines traurigen Ersatzes - wir sind als Menschen ja auf echte Gefühle, auf wirkliche, menschliche Nähe angewiesen. Die Digitalisierung erzeugt auch die Illusion, man könnte sich seinen Partner wie aus dem Katalog aussuchen. Partnerschafts-Portale erhöhen zwar die möglichen Kontakte, aber die Liebe lernt man nicht durch Algorithmen, sondern nur in der realen Welt. Das Digitale hat leider die Eigenschaft, narzisstische Charakterzüge zu steigern. Die Objekthaftigkeit, die das Gegenteil von Liebe ist, wird durch die Distanz-Kommunikationen im Netz gesteigert. Wenn man sich ansieht, wie viele Mädchen ihre Reize im Netz zur Schau stellen, und wie viele Männer ihre dunklen Obsessionen dort ausleben, bekommt man eher das Gefühl, dass wir durch das Netz die Liebe verlernen. Liebe hat ja immer auch etwas mit Selbstveränderung zu tun, mit dem ÜBERWINDEN des Narzissmus, der Oberflächlichkeit.

 

Wie adaptieren sich Partnerschaftsformen zu anderen Megatrends wie der Mobilität?

 

Die Liebes-Anthropologin Helen Fischer hat entdeckt, dass sich unser modernes Liebesverhalten in gewisser Weise wieder dem der Jäger- und Sammler-Kulturen angleicht. In der Agrarkultur gab es immer viele Kinder, Monogamie und pragmatische Eheformen. Die Frauen waren da oft die Leidtragenden. In vielen Jäger- und Sammlergesellschaften haben die Frauen im Laufe ihres Lebens vier oder fünf Partner, und sind meistens stolzer und freier in der Partnerwahl. Die Anthropologin Margaret Mead hat ja das unglaublich tolerante Liebesleben der Südsee-Bewohner beschrieben. Jäger und Sammler ziehen ja ständig weiter, schon deshalb waren hohe Kinderzahlen bei den Nomaden eher selten. Heute ziehen wir wieder viel um, haben wenige Kinder, und gehen auch mal unserer eigenen Wege, wenn es in der Liebe nicht mehr „passt”. Es ist also, als würde sich ein historischer Zirkel schließen: In der mobilen Gesellschaft leben wir beziehungsmäßig wieder wie unsere Ur-Vorfahren. Daran sieht man: Es kehrt in Sachen Liebe alles wieder, nur in veränderten Variationen.

 

Herr Horx, vielen Dank für dieses Gespräch!

 

Zur Person:

Matthias Horx wurde 1955 in Düsseldorf geboren. Er ist einer der renommiertesten Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Nachdem er als Journalist unter anderem für „die Zeit“ tätig war, gründete er zur Jahrtausendwende das „Zukunftsinstitut“ mit Sitz in Frankfurt a.M. und in Wien. Er berät Unternehmen, Institutionen und lehrt als Gastdozent an verschiedenen Hochschulen. In den letzten Jahren veröffentlichte er zahlreiche Bestseller. Sein aktuelles Buch „Future Love - Die Zukunft von Liebe, Sex und Familie“ ist im Juni 2017 erschienen.