Gero von Boehm: "I am proud to be European!"

Interviews | Artikel vom 02.02.2018 | Text von Redaktion

Gero von Boehm: "I am proud to be European!"


Gero von Boehm

Gero von Boehm in Berlin | Fotos © Benno Kraehahn

Wir begegnen dem Regisseur, TV-Produzenten und Autor Gero von Boehm in seiner großzügigen Altbauwohnung in Berlin. Im Interview spricht der 63-jährige über die "Europa-Saga", die Ende letzten Jahres im ZDF ausgestrahlt wurde und im Zeitalter von YouTube jeweils 4,5 Millionen Zuschauer vor die Fernsehbildschirme lockte. Gemeinsam mit dem Historiker Sir Christopher Clark bereiste er für die sechsteilige Serie unseren Kontinent, brachte eindrucksvolle Bilder und neues Wissen mit. Während des weiteren Gespräches über seine Kindheit und die Anfänge seiner Karriere strahlt von Boehm eine beruhigende Gelassenheit und Ruhe aus. In unserer hektischen und turbulenten Zeit eine äußerst angenehme Eigenschaft.


Herr von Boehm, wenn Sie für heute Abend einen Wunsch frei hätten, wen würden Sie gerne spontan treffen? Die Queen, den Papst oder Donald Trump?


Auf jeden Fall den Papst! Der interessiert mich am meisten! Ich weiß nicht genau ob er ein genialer PR-Mann ist, oder ob er es ernst meint mit einer gewissen Reform der katholischen Kirche, die doch der letzte Kitt in dieser Welt ist. Wenn wir das verlieren, wird die Welt noch chaotischer! Es ist eine Bastion, die es noch gibt und ich würde gerne wissen, ob er wirklich bereit ist von bestimmten harten Positionen der katholischen Kirche wegzugehen um Boden für eine andere Generation von Kardinälen zu bereiten. Auch als Typus würde er mich interessieren. Er verkörpert vieles was wir christlich nennen, wie Gefühl und Bescheidenheit. Nach Karol Wojtyla, also Johannes Paul II., ist er eigentlich ein toller Typ und ich frage mich, ob er das wirklich ist oder nur spielt. Im Augenblick ist es notwendig die Menschen ein bißchen zu beruhigen!


Was wäre die erste Frage, die Sie ihm stellen würden?


Über die erste Frage denke ich meistens einen ganzen Tag nach. Sie ist deshalb so wichtig, weil Sie den Ton in einem Gespräch vorgibt. Öffnet man den Menschen oder macht man ihn gleich zu. Wie gehe ich vor und wie kann ich erst einmal sein Interesse an mir wecken? Das muss er ja haben, wenn er tolle Antworten geben soll. Deshalb denke ich darüber leider immer sehr lange nach.


Neben sehr intensiven Gesprächen drehen Sie auch spannende Dokumentationen. Gerade lief beim ZDF die 6-teilige „Europa-Saga“ mit Sir Christopher Clark. Gemeinsam reisten Sie quer durch Europa und erzählten die europäische Geschichte von der Steinzeit bis heute. Was war für Sie persönlich das Faszinierendste, das Sie über Europa erfahren haben?


Ich habe erfahren, dass Europa ein Kontinent ist, der von Anfang an immer komplett in Bewegung war. Völker kamen, Völker gingen. Es gab Kriege und Frieden. Von Europa ist alles ausgegangen, was in dieser Welt von Bedeutung ist. An Gutem, wie an Bösem. Es gab die Entdecker genauso wie die Eroberer und es gab eine ständige Bewegung und ungeheure Konkurrenz. Die Spanier nahmen sich das Land, dann kamen die Portugiesen und nahmen sich ein anderes Stück von Südamerika. So ging das immer weiter und das müssen wir bedenken, wenn wir heute über Migration reden. Im Grunde ist das kein Ausnahmezustand. Schon in der Steinzeit kamen die Völker über die Savanne aus Asien nach Europa. Alle wollten immer auf diesen kleinen Kontinent.

 

Gero von Boehm

 

Möchten Sie mit der "Europas Saga" auch ein Stück weit die Ängste und Zweifel der Zuschauer nehmen?


Durchaus! Je mehr ich über die Geschichte weiß, desto besser kann ich die Gegenwart beurteilen. Das heißt nicht, dass man immer aus der Geschichte lernt, aber man kann Dinge, die sich heute abspielen, besser beurteilen. Man sieht die heutige Situation anders, wenn man weiß, dass immer alles in Bewegung war. Wir gehen ja auch in der sechsten Folge konkret darauf ein was geschehen muss, um diese Entwicklung in die richtigen Kanäle zu lenken. Wir müssen eben eine europäische Asylpolitik machen. Das muss auf europäischer und nicht auf der Ebene einzelner Staaten geregelt werden.


Im Juni 2016 stimmte die Mehrheit des vereinigten Königreiches für den Brexit. Grenzen wurden geschlossen und viele möchten zurück in die alte Zeit. Sind wir gerade dabei Europa auf’s Spiel zu setzen?


Ja, extrem sogar! Wir haben es immer noch nicht geschafft einen europäischen Grundgedanken zu entwickeln, mit dem sich alle identifizieren können. Es ist eben doch bisher nur ein Wirtschaftsraum und wir haben uns noch nicht auf bestimmte Werte besonnen. Damit meine ich nicht nur christliche Werte, die in Europa extrem wichtig sind, so wie es das Judentum mit seinen Einflüssen ebenfalls war. Europa ohne Judentum und ohne Islam, wenn wir an Spanien im 14. und 15. Jahrhundert denken, ist gar nicht möglich. Es sind viele Kulturen zusammengeflossen und das macht Europas Stärke aus. Wir sehen es nur als Wirtschaftsraum und reden von Eurozonen. Wir müssen uns, wie ich gerade sagte, um eine gemeinsame Asylpolitik einigen. Asyl ist ein Menschenrecht, das es schon im alten Rom gab und das wir gut behandeln müssen. Es ist unsere Pflicht, auch eine Christenpflicht, wenn wir schon bei Werten sind. Das kann nur auf Europäischer Ebene geregelt werden.


Was muss jetzt geschehen?


Die Verteilung von Flüchtlingen nach ganz Europa und die Sicherheitsfrage müssen neu geregelt werden. Im Grunde alles das was Macron in seiner großen Rede vor Lissabon gesagt hat. Es muss ein Ruck durch Europa gehen. Dieser Mann hat das verstanden! Ich bin sicher, dass unsere Politiker das nicht verstanden haben. Noch heute warte ich auf eine entsprechende Rede von Frau Merkel, die nie etwas wirklich substantiell Grundsätzliches über Europa gesagt hat. Das ist tragisch! Wenn sich Deutschland und Frankreich nicht einig sind, nicht nach vorne gehen und die anderen mitnehmen, dann bricht Europa wirklich auseinander. Es ist nicht sicher was mit Spanien passiert und es ist ebenfalls nicht sicher was mit Italien passiert wenn Berlusconi wiederkommt. Nationalstaaten können in dieser verrückten Welt nicht mehr alleine überleben. Es ist ein einiges Europa das wir brauchen und wie Macron gesagt hat, geht der nächste Schritt nach Außen. Unser Verhältnis zu Amerika ist im Moment schwierig und unser Verhältnis zu Russland sowieso. Wir haben den großen Fehler gemacht, dass wir den Dialog mit Putin haben abreißen lassen. Europa muss gegenüber Amerika und Russland souverän werden und gemeinsam auftreten können. Dann hat Europa wirklich eine Zukunft! Auch bei der Digitalisierung, die diese Zukunft ganz entscheidend prägen wird, müssen wir uns auf bestimmte Standards und Strategien einigen, damit wir in der Welt eine Chance haben. Bisher ist das alles versäumt worden. Und um das Verhältnis zu China haben sich die Politiker auch nicht gekümmert. Das lag jenseits des Horizonts ihrer Parteikarrieren und jetzt zahlen wir leider die Quittung dafür.

 

Gero von Boehm

 

Glauben Sie denn an die Zukunft von Europa?


Ja unbedingt, weil es gar keine Wahl gibt! Ich glaube aber auch an die Zukunft von Amerika. Auch ein Trump kann dieses Land, das doch sehr stark in seinen Grundfesten ist, nicht erschüttern. Das hängt auch wieder damit zusammen, dass Amerika ein Einwanderungsland ist, in dem von Anfang an viele Kulturen friedlich nebeneinander lebten und am Werk waren. Eigentlich hätten die sich in einer großen Revolution die Köpfe einhauen müssen. Das ist aber nicht passiert, weil alle sagen „I am proud to be an American“. Das ist ein starkes Ding! Hier habe ich noch nie gehört „I am proud to be European“. Für mich würde ich das aber so sagen, weil wir verdammt stolz auf das sein können, was wir hier Unglaubliches haben!


Sollte man einmal im Ausland gelebt haben, um über den eigenen Tellerrand zu schauen?


Es sollte per europäischer Verfassung jedem Europäer verordnet werden, mindestens ein Jahr in einem anderen europäischen Land gelebt zu haben. Nur dann kapiert man, wie die anderen ticken. Nur von außen versteht man sein eigenes Land besser. Deswegen waren wir zehn Jahre in Paris. Dort habe ich viel über Frankreich gelernt, aber noch mehr über Deutschland. Deutschland mit seinem Funktionieren und den klaren Denkstrukturen habe ich dort ganz anders schätzen gelernt. Es ist alles nicht so kompliziert wie in Frankreich. Unter anderem war auch die Sprache ein Grund zurück zu kommen. Meine Frau und ich sprechen fließend französisch, aber das ist halt nicht die Muttersprache. Ich würde nie sagen, dass ich in Berlin zu Hause bin oder in Heidelberg, wo ich herkomme. Die Heimat ist und bleibt die Sprache und das wusste ich vorher so nicht.


Haben Sie hier in Berlin Ihren Hauptwohnsitz?


Wir sind genauso in Südfrankreich zu Hause. Dort haben wir ein Familienhaus wo uns die Kinder im Sommer besuchen und wir Weihnachten und Ostern verbringen. Und wir ziehen uns oft dorthin für Wochen zurück, wenn etwas zu planen oder zu schreiben ist. Das ist gleichwertig mit Berlin, aber mitten auf dem Land zwischen Bauern, die uns versorgen. Eine wunderbare Welt! Ich bin eigentlich ein Stadtvieh und hätte früher nie gedacht, dass Natur einmal so wichtig werden würde. Das ist aber jetzt plötzlich so.


Geboren wurden Sie in Hannover und sind auch die ersten Jahre dort aufgewachsen. Sie waren wohl ein sehr neugieriges Kind, das gerne Fragen gestellt hat. War Ihren Eltern das manchmal unangenehm?


Durchaus, weil ich einfach losgezogen bin und an den Türen der umliegenden Mietshäuser geklingelt habe. Ich hatte totale Freiheit. Irgendwie ging das damals auch noch. In den 50er Jahren war alles noch sehr harmlos. Wenn ich einfach morgens weg ging und erst abends nach Hause kam, hat mir kein Mensch etwas gesagt. Meine Eltern wussten, ich komme irgendwie wieder. Sie waren Flüchtlinge und hatten eine ganz kleine Wohnung, in der man nicht den ganzen Tag sein wollte. Dann bin ich halt rausgegangen.

 

Wo kamen Ihre Eltern her?


Sie sind aus Schlesien geflohen. Mein Vater mußte mit 17 Jahren in den Krieg und war lange in russischer Kriegsgefangenschaft. Schon auf der Schule in Breslau waren meine Eltern zusammen. Später trafen sie sich wieder und haben sofort geheiratet. Dann kam ich und ich habe die Leute einfach gefragt: „Wo kommt ihr her? Was macht ihr hier? Seid ihr auch geflohen? Was ist euer Beruf? Erzählt mal!“

 

Gero von Boehm

 

Und das haben die Nachbarn mitgemacht?


Das haben die zum großen Teil mitgemacht! Manchmal dachten sie, der Kleine ist verrückt, aber in der Regel haben sie mir tatsächlich ihre Geschichte erzählt. Das hatte damals natürlich noch viel mit Krieg, Bombennächten, vertrieben oder nicht vertrieben zu tun. Ich habe ganz große Ohren gekriegt und mir Bilder im Kopf vorgestellt. Das lief ab wie im Film.


Dann waren Ihre Interessen also schon sehr früh angelegt?


Ja! Zum sechsten Geburtstag habe ich einen Leuchtglobus geschenkt bekommen. Nachts habe ich mir, anstatt zu schlafen, immer vorgestellt wie es wäre dahin und dorthin zu reisen. Das sah alles auch sehr nah aus. Und dieses kleine Europa fand ich toll! Ich habe dann alles über die jeweiligen Länder gelesen und war damals schon total fasziniert von der Vielfalt. Mit fünfzehn bin ich dann wirklich losgezogen. Ich bin einfach in den Zug gestiegen und zum Beispiel nach England oder Frankreich gefahren. Immer ganz allein. Als Einzelkind war ich das gewohnt einfach immer alleine loszuziehen. Ich verstehe heute noch nicht, dass meine Eltern das alles erlaubt haben. Die waren halt sehr tolerant und hatten so eine Art Urvertrauen. Wird schon schiefgehen! Das haben wir unseren Kindern auch versucht mitzugeben. Egal was die für verrückte Sachen machen und welche Risiken sie eingehen, wir bleiben ganz ruhig! Es ist ein gutes Gefühl, wenn man weiß, dass irgendjemand Urvertrauen zu einem hat. Dann kann man das auch selber haben!


Bei diesem gegenseitigen Vertrauen erzählen einem die Kinder ja auch gerne was sie machen und lassen einen an ihrem Leben teilhaben!


Ja logisch! Ich glaube, das ist das einzige was man Kindern wirklich mitgeben kann. Erziehung, so glaube ich, ist im zartesten Alter schon abgeschlossen. Was man bis zwölf oder dreizehn nicht mitgekriegt hat, kriegt man auch später nicht mehr mit. Allerdings sagt sich das alles so leicht. Heute ist es vielleicht auch schwieriger, weil die digitalen Medien einen so großen Einfluss haben. Das kann ja kein Mensch mehr kontrollieren. Das ist ein großes Problem!


In den sozialen Medien sind Sie ja auch aktiv. Ich habe gesehen, dass Sie einen Instagram Account haben!


Ach ja, habe ich das?


Habe ich durch Zufall entdeckt!


Das macht übrigens wirklich Spaß! Vor allem Freunde verfolge ich gern. Und als Bildermensch spielt man sowieso ganz gerne damit.


Das heißt, Sie beschäftigen sich bewusst mit den sozialen Medien?

 

Ja unbedingt, das muss man! Das ist eine absolute Pflicht! 

 

Was denken Sie denn zum Beispiel darüber, wie YouTube in Zukunft das Fernsehprogramm verändern wird?


Das wird immer wichtiger. Beinahe von Monat zu Monat. Es wird einfach von einer bestimmten Generation angenommen, die nicht mehr bereit ist, sich zu einer bestimmten Zeit hinzusetzen und auf ein Programm zu warten. Das ist eine Frage der Bequemlichkeit, aber auch die Faszination der Vielfalt. Es wird das Fernsehen, wie wir es kennen weiter geben, weil auch die Zuschauer immer älter werden. Eine bestimmte Generation, die lineares Fernsehen gewohnt ist, wird noch eine Weile da sein.

 

Gero von Boehm

 

4,5 Millionen Zuschauer sahen jeden Sonntagabend die "Europa Saga". Diese Zahlen sprechen ja auch erst einmal für das Fernsehen!


Ja absolut! Es ist halt schon noch etwas anderes, ob ich alleine vor dem Computer sitze oder mir mit ein paar Leuten das Fernsehprogramm live angucke. Das ist ein anderes Erlebnis, aber wir müssen damit rechnen, dass das nicht mehr sehr lange existieren wird.


Sie haben früh angefangen für „Die Zeit“ zu schreiben und für den Hörfunk zu arbeiten. Ihre Filmproduktionsfirma gründeten Sie gemeinsam mit Ihrer Frau schon in jungen Jahren. Warum studierten Sie etwas ganz anderes, nämlich Rechts- und Sozialwissenschaften?


Das Recht und wie es aufgebaut ist, hat mich unheimlich interessiert. Manchmal dachte ich ein bißchen chaotisch und hatte zu viel im Kopf. Da dachte ich, die Juristerei gibt mir eine Struktur. Wenn man einen Fall hat, dann muss man sehr logisch nach bestimmten Kriterien vorgehen. Ich ertappe mich noch heute dabei, wie ich Film-Treatments wie eine juristische Hausarbeit aufbaue. Insofern hat das meinem Denken genützt. Unser Recht ist eine große, übrigens auch europäische Errungenschaft, weil wir immer noch vom römischen Recht profitieren. Aber vor allem hat mich diese Art zu denken interessiert. Ich hätte auch Physik studieren können, nur habe ich das in der Schule schon nicht begriffen.


Sie haben eine Dokumentation über Albert Einstein gedreht. Inwieweit konnten Sie seiner Physik folgen?

 

Ich muss ja die Relativitätstheorie nicht unbedingt in solchen Filmen erklären. Es ging mehr um seine Persönlichkeit. Wie hat er es überhaupt geschafft? Wer war er? Es ging nicht so sehr um seine Physik, die natürlich auch vorkam. Gerade wenn man Dinge erst einmal nicht versteht, bemüht man sich natürlich, es doch irgendwie einfach zu erklären. Man vollzieht den Verständnisprozess sozusagen für den Zuschauer nach.


Fasziniert es Sie zu verstehen wie solche Persönlichkeiten wirklich sind?


Ja natürlich, man will wissen „what makes them tick“? Das ist ja die Frage, die einen ständig umtreibt. Gerade wenn man etwas bewundert. Ich bin jemand, der sehr gerne bewundert und fragt wie ist der da hingekommen? Ganz egal, ob es sich um Forscher oder beispielsweise auch große Schauspieler handelt. Ich halte es ohnehin für das Tollste, wenn Menschen uns glauben machen können, dass sie jetzt jemand anderes sind. Nach fünf Minuten bin ich voll dabei und glaube: Das ist jetzt diese Person und nicht mehr der berühmte Schauspieler den ich kenne. Wie geht so etwas? Was passiert da? Wie kommt es, dass Menschen das ausstrahlen können? Das ist ja nicht eine Frage von Spiel, sondern von Präsenz. Und da würde ich immer gerne wissen, wie diese Leute strukturiert sind. Was treibt die um? Wo kommen die her? Warum sind die so?

 

Gero von Boehm

 

Glauben Sie, dass man Ausstrahlung oder Präsenz erwerben kann oder hat man das einfach?


Ich glaube, das kann man nicht erwerben. Das hat man! Das ist eine Begabung und man kann es Zufall der Natur nennen. Das sind Talente wie Musikalität oder banaler, ob jemand kochen kann, was ja auch eine Begabungssache ist. Diese Präsenz kann man sich wohl nicht erwerben. Erwerben kann man sich technische Finessen beim Schauspiel, alles andere nicht. Ingrid Bergman, die nie eine Miene verzogen hat und einfach immer nur da war, hat von innen gestrahlt. Das war eine tolle, großartige und reizende Frau, die ich noch kennen gelernt habe. Ich bin mit Ihrer Tochter Isabella Rossellini befreundet und sie hat mir viel von ihr erzählt. Das war halt so ein Mensch. Sie hat das ausgestrahlt und hatte eine positive Aura um sich. Alles andere haben die Musik und der Schnitt gemacht.


Das öffnet dann natürlich auch Türen!


Ja klar, das ist beneidenswert! Ich hätte das gerne, aber man will so vieles! Man würde auch gerne Klavier spielen können. Man hat keinen Roman geschrieben, kein Bild gemalt. Mein größter Traum wäre, ein einziges Mal ein gutes Bild zu malen, weil ich Bilder liebe und Künstler auch wahnsinnig bewundere. Hat man nicht gemacht. Zu spät! Ich habe es versucht und alles gleich wieder verbrannt!


Was waren das für Bilder?


Das waren Portraits von Menschen, die ich ganz gut zu kennen glaubte. Ich habe es aber nicht hingekriegt, sie mit ihrer Ausstrahlung auf das Papier zu bringen. Ich dachte irgendwie muss das gehen, aber es ging nicht, weil ich diese Begabung überhaupt nicht habe.


Ist es nicht so, dass erfolgreiche Menschen nur mit einer Sache berühmt werden? Schriftsteller zum Beispiel malen ja nicht noch erfolgreich Bilder, sondern konzentrieren sich ganz auf das Schreiben.


Ja das stimmt schon. Die ganz Erfolgreichen haben mal etwas anderes gemacht und sich dann auf eine Sache konzentriert. Das muss man wahrscheinlich!


Wer hat Ihnen damals die Türen geöffnet als Sie relativ jung Ihre Filmproduktionsfirma gegründet haben?


Niemand! Ich hatte kein Vitamin B, das gab es nicht. Ich kannte niemanden aus der Branche und habe einfach angefangen Filme zu machen. Die waren gleich relativ erfolgreich und so ging das los!


Lieber Herr von Boehm, vielen Dank für dieses schöne Gespräch!

 

Gero von Boehm

Zur Person

Gero von Boehm ist Journalist, Autor, Regisseur und TV-Produzent. Er wurde 1954 in Hannover geboren und wuchs in Heidelberg auf. Nach seinem Studium der Rechts- und Sozialwissenschaften arbeitete er für den Hörfunk des WDR, SWF und den Deutschlandfunk. Schon während des Studiums schrieb er für „Die Zeit“. Im Jahr 1975 drehte er seinen ersten Dokumentarfilm und gründete gemeinsam mit seiner Frau Christiane die Produktionsfirma „interscience film“.