1000 Arten Regen zu beschreiben - Filmstart

Modernes Leben | Artikel vom April 2018 | Text von Redaktion

1000 Arten Regen zu beschreiben - Filmstart


"1000 Arten Regen zu beschreiben" l.: Filmplakat, r.: Mutter Susanne (Bibiana Beglau) | Foto © Filmpresse Meuser

Filmempfehlung. Mutter, Vater und Schwester sitzen seit Wochen vor einer verschlossenen Tür. Der 18-jährige Mike hat sich in seinem Zimmer verbarrikadiert. Diese Art der Einsamkeit hat er selber gewählt, seine Eltern Susanne (Bibiana Beglau), Thomas ( Bjarne Mädel) und deren Tochter Miriam (Emma Bading) nicht! Die Hilflosigkeit der einzelnen Familienmitgliedern nimmt im Laufe des Films immer weiter zu. Das anfängliche ignorieren und gegenseitige beschuldigen entwickelt sich zur Verzweiflung, Wut und zu heftigen Ausrastern.

 

Die Familie beginnt nach den Gründen von Mikes’s Verhalten zu forschen und entdeckt dabei mehr und mehr ihre eigenen unhinterfragten Gewohnheiten und Verkettungen. So wird der Sohn, der im Film aus stilistischen Gründen nicht gezeigt wird, zum Spiegel ihrer selbst. Die Schwester Miriam hat gerade ihre eigenen Probleme mit der Pubertät. Einerseits versteht sie ihren großen Bruder, auf der anderen Seite fühlt sie sich von ihm alleine gelassen. Den Eltern wird bewusst, dass sie sich zu lange mit ihrem Berufsleben anstatt mit der Familie auseinandergesetzt haben.

 

"1000 Arten Regen zu beschreiben" Thomas (Bjarne Mädel) | Foto © Filmpresse Meuser

 

Die Mutter stellt verzweifelt jeden Tag Essen vor die Tür, der Vater wird immer wütender und schreit Mike durch die Tür an. Die Situation spitzt sich zu und überfordert mit der Zeit alle. Die einzigen Zeichen, die während des Films von Mike ausgehen, sind kleine Zettel, die er unter der Tür hindurch schiebt. Sie enthalten unterschiedlichste Beschreibungen von Regen, der symbolisch für das Leben steht. Die Nachrichten geben außerdem Hoffnung, dass der Zusammenhalt der Familie nicht an der Situation zerreist. Am Schluss erkennen alle, dass Mike nicht krank ist, sondern jeder auf seine Weise zu seinem Verhalten beigetragen hat.

 

Der Film basiert auf dem japanischen Phänomen Hikikomori. Das Wort bedeutet „sich einschließen“ und beschreibt den freiwilligen gesellschaftlichen Rückzug, bei dem sich die Betroffenen in ihr Zimmer oder ihre Wohnung einschließen und von der Außenwelt abkapseln. Vor allem junge japanische Männer sind betroffen. Sie leiden unter Versagensängsten, fühlen sich von dem immer stärker werdenden gesellschaftlichen Druck überfordert und antworten darauf mit Rückzug. Dieser kann sechs Monate oder länger andauern. Während dieser Zeit leben sie in der Regel auf Kosten der Eltern und Familien, die oft den Zeitpunkt verpasst haben, die beginnende Isolation rechtzeitig wahrzunehmen.

 

"1000 Arten Regen zu beschreiben" Miriam (Emma Bading) | Foto © Filmpresse Meuser

 

In Japan soll es Hunderttausende Betroffene geben und auch in Westeuropa verbreitet sich die Isolation zunehmend. Enormer Leistungsdruck in der Schule, hohe Anforderungen in Ausbildung und Studium sowie schwieriger Berufseinstieg sind häufige Ursachen des sozialen Rückzugs. Auch der Zwang sich zwischen vielen Optionen entscheiden zu müssen überfordert Heranwachsende. Immer mehr Menschen verspüren auch hierzulande den Wunsch nicht mehr funktionieren zu müssen. Die Veränderungen durch Technik und Digitalisierung tragen ebenfalls dazu bei, dass sich Menschen entfremdet und von den Anforderungen der Gesellschaft überfordert fühlen.

 

Die Weltpremiere von „1000 Arten Regen zu beschreiben“ fand auf dem A-Festival Black Nights Tallinn in der First Feature Competition statt. Seit dem 29. März 2018 läuft der Film mit dem großartigen Schauspielensemble bundesweit in den Kinos. Die Musik wurde von Volker Bertelmann komponiert und Regie führte Isa Prahl. Für die im Jahr 1978 geborene Regisseurin war es ihr erster Langfilm.

 

Kinostart: 29. März 2018

 

"1000 Arten Regen zu beschreiben" Familie vor der Tür, v.l.: Susanne (Bibiana Beglau), Miriam (Emma Bading und Thomas (Bjarne Mädel) | Foto © Filmpresse Meuser